(Gegenwind 182, November 2003)

Eine kurdische Familie sucht Asyl

"Dort kann ich nicht überleben"

1997 floh die kurdische Familie Aba aus der Türkei nach Deutschland. Im letzten Jahr wurde der Asylantrag abgelehnt, über Asylfolgeanträge ist noch nicht endgültig entschieden worden. Während für die Eltern und die beiden minderjährigen Töchter ein vorübergehendes Bleiberecht ausgesprochen wurde, sollen die beiden volljährigen Töchter Hülya und Özlem und die beiden ebenfalls volljährigen Söhne Servet und Yusuf jetzt ausreisen, andernfalls droht die Abschiebung. Wir sprachen mit den vier über ihre Fluchtgründe, ihr Leben unter der Abschiebeandrohung und ihre Angst vor der drohenden Abschiebung.

Gegenwind:

Warum bist du aus Kurdistan geflohen?

Özlem

Özlem:

Ich hatte Probleme, weil wir Kurden sind, ich hatte Probleme, weil speziell die Familie Aba, meine Familie, von der Hizbullah* verfolgt wurde. Ich selbst wurde auch gemeinsam mit meiner Familie in meinem Dorf von der Hizbullah festgenommen. Sie haben uns bedroht und verlangt, dass wir mit ihnen zusammenarbeiten, Informationen für die türkische Regierung geben. Sie haben mich beschimpft, mich haben sie nur "Schlampe" genannt und gesagt, ich würde nur mit ihnen schlafen und mit sonst niemandem. Sie haben mir gesagt, ich war damals 16 oder 17, dass wir Mädchen nur für die Hizbullah da sind. Mein Vater hatte ja Arbeit in Batman, deshalb sind wir zunächst nach Batman gegangen. Ich habe damals auch gehofft, dass wir in der Stadt ein ruhigeres Leben haben. Aber mein Vater wurde wieder festgenommen und zusammengeschlagen. Sie sind nachts in unsere Wohnung gekommen, haben auch mich aus dem Bett gerissen und gefragt, wo mein Vater ist. Wir wurden angerufen und bedroht, ich war auch mehrmals am Telefon.

Gegenwind:

Du bist jetzt seit sieben Jahren in Deutschland. Hat sich in der Türkei etwas geändert, kannst du dir vorstellen zurückzukehren?

Özlem:

Meine Eltern sind hier ja in Behandlung. Ich müsste also ohne meine Eltern ausreisen. Aber ich heiße Aba, der Nachname ist bekannt, und für uns gibt es keine Demokratie. Ich bringe mich lieber um.

Gegenwind:

Woran erinnerst du dich, wenn du an die Ankunft in Deutschland zurückdenkst?

Servet

Servet:

Als wir ankamen, war ich noch jung, daran kann ich mich nicht erinnern. Das war 1997, ich war damals 13 Jahre alt. Es war eine sehr große Veränderung, ich sah zum ersten Mal einen Flughafen, alles war anders. Wir lebten in einer großen Kaserne mit sehr vielen unterschiedlichen Menschen zusammen, sie kamen aus vielen verschiedenen Ländern. Wir konnten trotzdem gut miteinander leben, wie normale Nachbarn. Unsere Familie war in einem Zimmer, das Essen gab es für alle in einer großen Halle, in unserem Zimmer durften wir nicht essen. Ich habe schnell Freunde gefunden aus anderen Ländern, Schwarze und Weiße, wir haben viel Fußball gespielt.

Gegenwind:

Kannst du etwas über Dein Asylverfahren sagen? Du bist ja jetzt 20 Jahre alt und hast einen eigenen Asylantrag gestellt.

Servet:

Beide Asylverfahren sind abgelehnt worden. Wegen meines augenblicklichen Asylantrages hat der Rechtsanwalt gegen die Ablehnung geklagt.

Gegenwind:

Normalerweise musstest du mit 18 Jahren zur türkischen Armee gehen und deinen Wehrdienst leisten. Welche Folgen hat es für dich, dass du nicht dort warst?

Servet:

Wenn man nicht hingeht, wird man nach zwei Verwarnungen als Illegaler behandelt, man lebt dann "schwarz" im eigenen Land. Diese Verwarnungen sind für mich an unserem alten Wohnort angekommen, ich würde jetzt also sofort am Flughafen verhaftet, wenn ich zurückkehre. Ich weiß das vom Telefonieren mit meinem Opa, der noch in Kurdistan lebt, dass dort die Briefe angekommen sind.

Gegenwind:

Konntest du hier in Deutschland eine Ausbildung machen?

Yusuf

Yusuf:

Ich war in der Schule, und ich habe von der Schule aus ein Praktikum gemacht und dadurch einen Ausbildungsplatz als Einzelhandelskaufmann gefunden. Nach drei Wochen sollte ich im Baumarkt in Ratzeburg einen Ausbildungsvertrag bekommen. Ich musste dann bei der Ausländerbehörde und beim Arbeitsamt fragen, weil die mir eine Arbeitserlaubnis geben mussten. Dort wurde mir gesagt, keine Chance, eine Ausbildung geht nicht. Unser Asylantrag war abgelehnt, deshalb bekam ich keine Erlaubnis.

Gegenwind:

Was machst du statt dessen?

Yusuf:

Ich arbeite beim Internationalen Bund. Das läuft über das Jugendamt und ist Arbeit für Jugendliche, die keinen Ausbildungsplatz haben. Wir arbeiten dort als Tischler und mit Metall. Das ist, damit wir nicht zu Hause rumsitzen. Seit vier Jahren arbeiten mein Bruder und ich dort. Ich habe inzwischen eine kleine Arbeit in Ratzeburg, allerdings habe ich nur eine Arbeitserlaubnis für 14,25 Stunden pro Woche bekommen. Ich darf aber nicht mehr als 400 Euro im Monat verdienen.

Gegenwind:

Wie kommst du sonst mit der Ausländerbehörde und dem Sozialamt zurecht?

Yusuf:

Nicht gut. Ich war neulich mit, als sie meinen Schwestern die Duldung abgenommen haben, und sie haben mir gleich gesagt, dass ich in Deutschland keine Perspektive habe. Sie haben mich auf der Ausländerbehörde gefragt, was ich mache, und ich habe gesagt, dass ich in Ratzeburg arbeite, in einer Autolackiererei. Sie haben gleich gesagt, dass sie beim Arbeitsamt Bescheid sagen wollen, dass ich keine Arbeitserlaubnis mehr kriege. Ich habe jetzt eine Arbeitserlaubnis nur für September und Oktober, aber ich weiß nicht, ob die dann verlängert wird. Mit dem Sozialamt habe ich nur Probleme. Ich muss meine Verdienstbescheinigung immer abgeben, alle Fahrkarten kopieren, aber mein Chef kann mir die oft nicht geben, weil er selbst auf die Unterlagen von seinem Steuerberater wartet. Und das Sozialamt gibt dann der ganzen Familie keine Sozialhilfe.

Gegenwind:

Was befürchtest du, wenn du abgeschoben wirst?

Hülya

Hülya:

Wenn ich abgeschoben werde, wird es schlimmer als damals, als wir geflohen sind. Ich werde mich eher umbringen als mich abschieben lassen. Ich weiß, wie Mädchen und junge Frauen behandelt werden. Ich weiß von Tausenden von Vergewaltigungen, viele bringen sich danach um. Frauen und Mädchen sind in der Türkei nichts wert, besonders wenn es Kurdinnen sind. Ich habe den Nachnamen Aba, der ist bei der Polizei bekannt. Selbst wenn ich nicht, wie meine Brüder, direkt am Flughafen verhaftet werde - wie kann ich dort überleben, alleine als junge Frau ohne Ausbildung, ohne meine Eltern und meine Familie? Wenn ich in die Gegend zurückkehre, aus der wir stammen, also nach Batman: Dort hat die Hisbullah das Sagen. Dort dürfen Frauen und Mädchen keinen kurzen Rock tragen, kein T-Shirt, dürfen praktisch das Haus nicht verlassen. Dort kann ich nicht überleben, insbesondere nicht ohne Familie.

Gegenwind:

Gibt es die Möglichkeit, dass du freiwillig ausreist, damit die türkischen Behörden nicht auf dich aufmerksam werden?

Hülya:

Ich kann dort ohne Familie nicht leben. Meine Eltern sind hier in ärztlicher Behandlung und bekommen jetzt eine langfristige Duldung, ich müsste in der Türkei alleine leben. Sie sagen zwar, dass jetzt die Gesetze liberaler werden, dass es möglich ist, kurdisch zu sprechen. Aber das sind nur öffentliche Erklärungen, in Kurdistan selbst ist das Leben nicht einfacher geworden.

Gegenwind:

Hast du Kontakt nach Kurdistan? Weißt du, wie es in eurem Dorf oder in Batman aussieht?

Hülya:

Ich kann noch gelegentlich mit Freuden oder meinem Opa telefonieren. In unserem Dorf kommen immer noch nachts Gendarmen, dann werden Häuser durchsucht und Leute verhört. Mein Opa wurde gerade wieder gefragt, wo mein Vater ist, wir werden immer noch gesucht. Sieben Guerillas sind in unserem Dort vor zwei Monaten getötet worden. Ein Sänger, den wir kennen, war im Sommer hier und ist hier aufgetreten. Bei der Rückkehr ist er sofort verhaftet worden, weil wir uns auf seinen Veranstaltungen für Abdullah Öcalan eingesetzt haben. Ich habe gerade mit einer Freundin telefoniert, die noch in unserem Dorf lebt. Wir haben dort kein fließendes Wasser im Haus, die Frauen müssen immer zum Brunnen. Dort stehen die Polizisten, sie beschimpfen die Frauen immer als Terroristen. Und dann fassen sie sie an. Was sie dann sagen, kann man nicht wiederholen, ich weiß das ja noch von damals. Als wir flohen, war ich ja neunzehn. Bis heute zittere ich jedes Mal, wenn ich Berichte im Fernsehen sehe und ich sehe die kurdischen Mädchen und die jungen Frauen und weiß, was mit ihnen passiert.

Interview: Reinhard Pohl

*Anm. d. Red.: Die Hizbullah ("Partei Gottes") in der Türkei ist eine islamistische Miliz, die mit Hilfe des türkischen Staates ins Leben gerufen wurde, um mit Terror gegen Demokratie- und Autonomiebewegungen in Kurdistan vorzugehen, vor allem gegen AnhängerInnen der KADEK (ehemals PKK).

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