(Gegenwind 202, Juli 2005)

Abschiebung aus Neumünster in den Kosovo

Alisa Catic, geb. Kocan

"Wir haben alle geheult"

1992 floh die Familie Kocan mit fünf Kindern, 5 bis 13 Jahre alt, aus dem Kosovo. Drei Jahre zuvor hatte die Regierung in Belgrad den Autonomiestatus aufgehoben und eine nationalistische Kampagne gestartet, die vor allem den Präsidenten Milosevic an die Macht bringen und die Macht sichern sollte.

2005,13 Jahre später. Die Familie Kocan lebt immer noch in Neumünster. Die Kinder sind inzwischen 18 bis 26 Jahre alt. Am 27. Mai tauchen sie auf dem Landesparteitag der Grünen auf, mit einem Transparent und Unterschriften-Listen. Sie protestieren gegen die angedrohte Abschiebung der Eltern. Wir sprechen mit Alisa, 20 Jahre alt.

Gegenwind:

Wie alt warst du, als du herkamst?

Alisa:

Ich war sieben Jahre alt, das war 1992. Ich kam mit meinen Eltern und vier Geschwistern her.

Gegenwind:

Warum seid ihr geflohen?

Alisa:

Wir sind geflohen wegen des beginnenden Krieges. Es ging damals langsam los, und zwar in der ganzen Bevölkerung. Mein Vater hat entschieden, dass wir in ein anderes Land müssen. Wir haben in Pec gelebt. Wir sind eine bosniakische Familie. Benachteiligt waren wir im Kosovo schon immer. Wir sprechen serbo-montenegrisch, gehören also nicht zur albanischen Mehrheit. Andererseits sind wir moslemisch, gehören also auch nicht zur serbisch-orthodoxen Kirche. Es fing damals an mit Terror gegen uns Kinder in der Schule, daran erinnere ich mich noch genau. Damals wurde unterschieden, du bis Serbin, du bist Kroatin, du bist Albanerin, du bist Bosniakin. Mein Vater hat 1992 seine Arbeit verloren, meine Mama auch, aber mein Vater war bis dahin der Ernährer der Familie.

Gegenwind:

Woran erinnerst du dich, wenn du an die Ankunft in Deutschland denkst?

Alisa:

Wir sind in ein Auffanglager nach Itzehoe gekommen. Das waren schrecklich lange Flure, alles war kahl und ungemütlich. Dazu gab es diese Doppelbetten, wie bei der Armee, aus Eisen mit Gittern. Es gab keine Waschbecken für Kinder. Mein Papa hat 1993 einen Asylantrag gestellt, der wurde aber abgelehnt. Ich weiß den Grund nicht, dazu war ich noch zu jung. Aber meine Eltern waren völlig verzweifelt. Seitdem leben wir mit einer Duldung hier. Wir wurden dann nach Neumünster geschickt, in ein Heim am Ende der Stadt neben einem Klärwerk. Das war in der Niebüller Straße in Faldera.

Gegenwind:

Wie lange hat es gedauert, bis du deutsch konntest?

Alisa:

Das ging bei mir ziemlich schnell. Ich habe schnell Freunde gefunden, das hat nicht mal ein Jahr gedauert.

Gegenwind:

Wie war eurer Aufenthaltsstatus im Laufe der Jahre?

Alisa:

Das war immer die Duldung, also eine Kettenduldung. Für uns Kinder war das besonders schwierig. Ich wollte eigentlich eine Ausbildung machen, das durfte ich aber wegen des Status nicht. Ich habe Realschulabschluss, war dann noch zwei Jahre auf dem Gymnasium, habe aber das Abitur nicht geschafft. Eigentlich wollte ich Bankkauffrau werden, ich habe mich beworben, es gab auch Bewerbungsgespräche. Aber weil die Duldung immer nur für ein halbes Jahr war, haben die Arbeitgeber immer gesagt, es kann ja sein, dass Sie von heute auf morgen nicht mehr hier sind.

Gegenwind:

Wie ging es deinen Geschwistern?

Alisa:

Meine beiden älteren Geschwister hatten es besonders schwer. Sie waren ja schon 12 und 13, als wir herkamen. Sie haben den Hauptschulabschluss gemacht, aber sie blieben dann ohne Ausbildung und ohne Arbeit. Es hat alles nicht geklappt, wegen der Duldung, wegen des Status. Der Jüngste geht immer noch zur Schule, er ist ja gerade achtzehn. Ich glaube, er hat wenig von den Problemen mitbekommen. Jetzt hat er gerade einen Aufenthaltsstatus bekommen, für ihn stehen alle Wege offen. Meiner jüngeren Schwester ging es genauso wie mir. Sie hat auch eine weiterführende Schule gemacht, eine Ausbildung ging dann nicht, und es war sehr schwer, Arbeit zu finden.

Gegenwind:

Wie ging es deinen Eltern?

Alisa:

Ihnen ging es sehr schlecht. Sie wollten arbeiten, sie haben auch ständig Anträge gestellt, sie haben aber immer nur geringfügige Beschäftigungen bekommen. Sie haben versucht, über die Runden zu kommen, das ist aber mit einer Duldung fast unmöglich. 1992 durfte mein Vater kurz eine Schule besuchen, um Deutsch zu lernen, aber sonst gab es keine Möglichkeiten. Uns Kindern wurde 1992 ja noch gesagt, dass wir nicht zur Schule gehen können, es gab damals noch keine Schulpflicht für Flüchtlinge. Ich weiß noch, dass ich als Siebenjährige geweint habe. Ich kam dann zur Vicelinschule.

Gegenwind:

Wann hat die Ausländerbehörde gesagt, dass der Aufenthalt beendet werden soll?

Alisa:

Wir mussten Ende April die Duldung verlängern. Da erfuhr mein Bruder auf der Ausländerbehörde, dass zumindest meine Eltern innerhalb von zwei Tagen Deutschland verlassen sollen. Sie behaupteten auch, dass meine Eltern schon einen Brief bekommen hätten, das stimmt aber nicht. Unser Anwalt hat jetzt einen Eilantrag an das Verwaltungsgericht in Schleswig geschickt. Meine Eltern haben eine neue Duldung nicht für ein Jahr bekommen, sondern nur bis zum 9. Juni. Am 31. Mai ist eine Anhörung beim Gericht. Wir haben jetzt Angst vor der Polizei. Mein Vater hat das nicht durchgehalten, er ist zusammengebrochen und ist jetzt im Krankenhaus. Ich habe meinen Vater in den ganzen 21 Jahren noch nie so erlebt, wie er jetzt ist.

Gegenwind:

Wann habt ihr von der Härtefallkommission erfahren?

Alisa:

Wir hatten Informationen seit 2002, aber damals konnte die Härtefallkommission nur Empfehlungen geben. Wir haben dann im Dezember 2004 einen Antrag gestellt. Mein Bruder hat zuerst einen Antrag gestellt, mit Hilfe der ZBBS in Kiel, dann für die Eltern und den jüngsten Bruder einen zusammen, weil der kleinste Bruder noch unter 18 Jahren alt war. Und dann hat die ältere Schwester noch einen gestellt, wir anderen beiden waren schon verheiratet. Der für meine Schwester ist als erstes abgelehnt worden, meine beiden Brüder haben Mitte Februar einen Brief vom Innenminister bekommen, dass sie ein Aufenthaltsrecht bekommen. Und dann sind meine Eltern zwei Tage später abgelehnt worden. Für uns war es schockierend, dass es keine Begründung gab. Die ganze Familie wird geteilt, und wir erfahren noch nicht einmal, warum. Meine Schwester lebte schon lange mit ihrem Freund zusammen, sie hat geheiratet und kann deshalb auch bleiben.

Gegenwind:

Wie geht es jetzt weiter?

Alisa:

Wir werden für unsere Eltern kämpfen. Ich habe in der Firma, in der ich arbeite, meinen Chef um Hilfe gebeten. Er will meine Eltern beide einstellen. Das ist die Firma Rühmann, Eis und Zuckerwaren. Dort arbeite ich schon seit vier Jahren, meine Mama könnte Reinigungskraft werden, mein Vater Hausmeister. Er hat in Jugoslawien eine Schlosserlehre gemacht. Dazu müsste das Arbeitsamt eine Erlaubnis geben. Das tun sie nicht, weil meine Eltern eine Duldung haben. Meine Eltern könnten nicht nur ihr Geld selber verdienen, sie würden auch Sozialabgaben bezahlen.

Gegenwind:

Nun ist dein Vater auch Diabetiker. Ist denn in Pec eine Versorgung möglich?

Alisa:

Nein. Ich habe vorhin mit Angelika Beer (Europaabgeordnete der Grünen, d. Red.) gesprochen, die hat mir auch gesagt, dass das schwierig ist. Sie wird im August wieder hinfahren und Informationen mitbringen. Es gibt aber auch viele Artikel und Informationen im Internet, zum Beispiel vom UNHCR. Mein Vater hat außerdem Bronchitis. Ich bin in der Familie seit langem für ihn verantwortlich, ich kümmere mich um ihn. Im Kosovo hat er niemanden mehr, andere Mitglieder unserer Familie sind in anderen europäischen Ländern. In Pec ist niemand mehr von uns.

Interview (27. Mai 2005): Reinhard Pohl

In der Woche darauf begannen die fünf (erwachsenen) Kinder der Familie Kocan gemeinsam mit dem Verein Grenzgänger e.V. eine Mahnwache vor dem Rathaus. Die Ausländerbehörde beantragte daraufhin einen Haftbefehl, um den Vater bis zum vorgesehenen Ausreisetermin am 9. Juni in Abschiebehaft zu bringen. Der Haftbefehl wurde vom Amtsgericht Neumünster abgelehnt - aber die Eltern gaben jetzt auf. Sie fuhren am 7. Juni zum Landesamt für Ausländerangelegenheiten in Neumünster, dass im Auftrag der Ausländerbehörden Ausreise und Abschiebungen organisiert, und ließen sich von dort aus nach Düsseldorf und anschließend nach Pristina bringen. Am 17. Juni trafen wir Alisa wieder.

Gegenwind:

Deine Eltern mussten in der Nacht vom 8. auf den 9. Juni Neumünster verlassen. Willst du erzählen, wie es beim Landesamt war?

Alisa:

Das war ganz schrecklich. Es war drei Uhr nachts. Wir Kinder sind hingefahren. Es war eine schreckliche Atmosphäre, die ganzen Gitter und die Polizei. Sie haben meine Eltern wie Schwerverbrecher behandelt. Wir hatten eine halbe Stunde Zeit, uns zu verabschieden. Meine Mutter hat geschrieen, mein Vater hat geweint. Ich habe meinen Vater noch nie weinen sehen, noch nie! Der hat wirklich geweint wie ein kleines Kind. Wir haben alle geheult. Das war ganz, ganz schrecklich. Die Polizistin, die meine Mutter durchsucht hat, ob sie Waffen bei sich hat, fing auch an zu weinen. Nach einer halben Stunde kam der kleine Transporter, ein dunkler Transporter, sie haben die Taschen reingepackt. Ich kann das Gefühl nicht beschreiben. Du weißt ja, du verabschiedest dich nicht, weil sie in Urlaub fahren, es ist ein Abschied ins Ungewisse. Du verabschiedest dich und weißt nicht, was passiert am nächsten Tag. Wo sind die? Was passiert mit denen? Ich konnte überhaupt nicht schlafen, es ging nicht. Den nächsten Tag konnte ich nichts essen. Inzwischen habe ich mit ihnen telefoniert, jetzt ist es besser.

Gegenwind:

Deine Eltern sind von Düsseldorf aus nach Pristina geflogen. Was haben sie darüber erzählt?

Alisa:

In Düsseldorf sind sie angekommen und mussten sofort ins Flugzeug rein. In Pristina sind sie dann auch in Empfang genommen worden. Aber sie haben erzählt, es war alles kalt. Sie wurden in Düsseldorf und dann in Pristina abgeliefert, wie man Ware abliefert. Einfach weiter. Es waren hauptsächlich Albaner im Flugzeug.

Gegenwind:

Wie ging es in Pristina weiter?

Alisa:

Meine Eltern haben vorher einen Bekannten angerufen, der noch in Pec lebt. Es ist ein ehemaliger Nachbar meines Opas. Sie haben ihn gefragt, ob er sie in Pristina vom Flughafen abholen könnte. Er konnte leider nicht, weil er arbeiten musste. Sie sind dann mit dem Bus nach Pec gefahren und dort zu diesem Bekannten. Der hat ihnen einen kleinen Raum in seiner Wohnung gegeben, wo sie erst mal bleiben können. Sie haben sich dann unser Haus angeguckt, wo wir damals groß geworden sind. Es gibt nur noch Wände, es ist wirklich alles zerstört. Meine Mutter hat gesagt, es ist alles kahl, und es ist nichts organisiert. Sie sind also beim ehemaligen Nachbarn in Pec geblieben.

Gegenwind:

Deine Eltern sind ja beide sehr krank. Können sie in Pec versorgt werden?

Alisa:

Mein Papa hat Medikamente für ein paar Wochen mit. Wie es danach läuft, weiß ich noch nicht. Hier in Neumünster ist eine Ärztin, bei der er gearbeitet hat. Mit der zusammen könnten wir ihm monatlich Medikamente schicken. Sie weiß genau, welches Insulin er benötigt. Aber ich weiß nicht, wie das läuft, ob man das in den Kosovo schicken darf.

Gegenwind:

Kannst du deine Eltern problemlos erreichen?

Alisa:

Ich habe mächtige Probleme, weil der Empfang ständig gestört ist. Meistens kann ich sie gar nicht erreichen, dann piept es, ein Tonband sagt auf jugoslawisch, der gewünschte Gesprächspartner ist nicht erreichbar. Ich kann sie nicht permanent erreichen, und wenn doch, ist es nie so, dass ich sie klar und deutlich höre. Das ist echt problematisch.

Gegenwind:

Können deine Eltern in Pec wieder heimisch werden?

Alisa:

Nein. Das werden sie auf gar keinen Fall. Dort wohnen ja fast nur noch Albaner, und sie sprechen kein Albanisch, sie sprechen ja Serbisch. Sie denken an ein Nachbarland, vielleicht Bosnien. Ich weiß es nicht, aber sie wissen es selbst noch gar nicht, wohin sie können. Sie müssen erst mal begreifen, dass sie jetzt aus Neumünster weg sind und ihre Kinder alle noch hier sind. Damit müssen sie erst mal klarkommen. Sie haben nur einen Schlafplatz und etwas zu essen, das ist alles.

Interview (17. Juni 2005): Reinhard Pohl

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