(Gegenwind 207, Dezember 2005)
Sona Shirvanyan begann am 1. Juli 2005 ihr Praktikum beim Gegenwind. Sie hatte damals schon keine Aufenthaltserlaubnis mehr. Am 5. August wurde sie verhaftet, am 9./10. August wurde sie über Moskau nach Eriwan (Armenien) abgeschoben. Im Gegenwind 204 (September 2005) beschrieb sie ihre Abschiebung. Jetzt haben wir sie gebeten, nach drei Monaten Leben in Armenien ihren Alltag zu schildern.
Am 10. August kam ich in Eriwan an. Ich hatte erzählt, dass ich am Flughafen meine Schwester Tina sah und in dem Moment alles vergessen hatte, was ich erlebt habe.
Ich habe zuerst auch nicht gesehen, dass sie nicht alleine zum Flughafen gekommen war. Sie war mit ihrer Familie gekommen. Ihr Mann war mit da, außerdem ihr Schwiegervater Arsen und ihre Schwägerin Luisa, die sehr groß war. Mit denen waren auch paar Verwandte gekommen. Die habe ich dort zum ersten Mal gesehen, ich habe sie da kennen gelernt. Nach diesen fünf Tagen der Abschiebung sah ich endlich wieder viele Gesichter, die alle sehr nett und höflich zu mir waren. Die Schwiegermutter war nicht da, weil sie kochen musste, eigentlich für mich. Das kleine Kind von Tina war auch nicht da. Dann sind wir nach Hause gefahren.
Tina wohnt in einer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung, dort wohnt die ganze Familie. Das sind sie selbst mit ihrem Mann und dem Kind, dann die Schwiegereltern und die Schwägerin. Ich kannte niemanden davon. Tina hat geheiratet, als ich in Deutschland war, nur meine Mutter war damals noch in Armenien.
Es ist ein Hochhaus, in dem ich jetzt lebe. Solch ein Haus gibt es in Flensburg nur im Sandberg, glaube ich, und in Harrislee in der Nähe der Waldstraße. Wir wohnen im siebten Stock, das Haus hat neun Stockwerke.
Meinen Schwager kannte ich, wie gesagt, vorher noch nicht. Ich habe von Deutschland aus nur e-Mails geschickt. Jetzt habe ich ihn kennen gelernt, und er ist sehr, sehr nett. Ein unglaublicher Mensch! Anders als die anderen in seiner Familie, ein ganz anderer Typ. Mein Schwager studiert Informatik im sechsten Semester. Er war vorher bei der Armee, das dauert in Armenien länger als in Deutschland. Wer in der Armee war, darf kostenlos studieren. Tinas Schwägerin, also meine "Schwipp-Schwägerin", ist auch Studentin, sie studiert Ernährungswissenschaft.
Tagsüber bin ich oft alleine in der Wohnung. Um acht Uhr gehen Vater und Mutter zur Arbeit, die Schwägerin studieren. Oft sind dann nur noch mein Schwager, Tina und die Tochter mit mir zu Hause. Donara ist 18 Monate alt, sieht aus wie ein deutsches Kind. Aber meine Schwester hat auch blaue Augen und sehr helle Haut. Das Kind kann ein paar armenische Sätze, aber inzwischen kann es auch "Hallo" und "Tschüss" auf Deutsch sagen. Donara ist ein sehr aktives Mädchen, sie beißt jetzt immer.
Seit zwei Monaten lebe ich dort kostenlos. Alle helfen mir, ich bezahle nichts für das Essen, nichts für das Wohnen. Inzwischen habe ich ja Geld von Reinhard bekommen, aber ich lebe dort immer noch kostenlos. Ich bin sehr beeindruckt davon, ich habe das nicht erwartet. Meine Mutter hat mir gesagt, dass die ganze Familie sehr nett ist, aber es ist ja nicht meine Familie, sondern die Familie meines Schwagers. Man kann sich so etwas in Deutschland nicht vorstellen.
Am Anfang haben sie mich auch nie alleine irgendwo hingehen lassen. Hauptsächlich Tina hat sich sehr viele Sorgen gemacht und ist immer mit gegangen. Man muss sich daran gewöhnen. In Deutschland war ich bis ein Uhr oder zwei Uhr nachts alleine auf der Straße, das ist in Armenien besonders für Frauen gefährlich. Außerdem kann man leicht seine Tasche und sein Geld verlieren. Auch an den Verkehr muss man sich gewöhnen. Am Anfang habe ich geguckt, wenn die Ampel für Fußgänger grün wird. Aber man merkt davon nichts, die Autos fahren manchmal weiter, wie sie wollen. Man muss ganz anders aufpassen. Das kann ich inzwischen natürlich.
Als ich am Anfang mal um Mitternacht vom Internet-Café alleine nach Hause gegangen bin, sagte Tinas Schwiegermutter, du darfst um die Zeit nicht alleine nach Hause kommen. Sie hat dann gesagt, dass ich das natürlich "darf", aber sie meinte, es wäre zu gefährlich für mich. Ich meinte, das wäre nicht gefährlich, aber sie sagte mir, doch, das ist gefährlich. Hier gibt es andere Regeln.
Aber am wichtigsten ist Tina. Meine Mutter ist nicht hier, mein Bruder nicht. Ohne Tina könnte ich nicht in Armenien leben. Überhaupt nicht. Sie arbeitet nicht, sie hat ihr Studium abgeschlossen. Sie ist zu Hause und ist bereit, mir immer zu helfen. Sie hat eigentlich keine Zeit, aber wenn ich irgendetwas brauche, findet sie immer Zeit für mich. Als ich mich bei Frau Büttner vorstellen sollte, das hatte Reinhard mir gesagt, hat sie mit mir die Straße und das Haus gesucht, das hätte ich alleine nicht gefunden. Oder wenn ich was einkaufen will, hilft sie mir. Am Anfang hat sich auch alles bezahlt. Jetzt versuche ich etwas zurückzugeben. Ich muss natürlich nichts zurückgeben, ich kaufe einfach etwas für das Kind, für sie, für den Haushalt, jetzt bezahle ich das selbst, was ich bezahlen will. Wenn ich jemandem von der Familie Geld geben würde, wären alle böse auf mich.
Meinen Vater sehe ich fast jeden Tag. Zwei- oder dreimal die Woche kommt er auch zu Tina, dann reden wir bis zwei oder drei Uhr morgens, wir erinnern uns und lachen. Dann übernachtet er bei uns, manchmal auch woanders. Sonst wohnt er in Armavir, dort haben wir eine große Vier-Zimmer-Wohnung, da wohnt er meistens alleine. Es ist sehr groß und sehr bequem. Aber ich kann da nicht leben. Hier habe ich eine Chance, hier kann ich kostenlos ins Internet, das geht in Armavir nicht. Für mich ist am wichtigsten, Kontakt mit Reinhard zu haben und mit meinen Freunden in Flensburg. Außerdem muss ich mich auf die Uni vorbereiten, das geht auch nur in Eriwan, der Hauptstadt. Das Haus in Armavir hat fünf Etagen, es ist ein kleines Haus, aber die Wohnung ist sehr groß. Armavir liegt an der Grenze zur Türkei. Das ist die wärmste Provinz in ganz Armenien. Sehr trocken. Aber das Gemüse, Obst und alle Früchte sind sehr lecker, die in Armavir wachsen. Hier habe ich meinen Kindergarten besucht, mit der Schule angefangen und gewohnt, bis ich nach Deutschland flog.
Wie ich jetzt wohne, habe ich also erzählt. Ich kannte Eriwan ja, bevor ich nach Deutschland kam. Man kann die Wohnungen nicht mit Deutschland vergleichen. Es ist hier ganz anders, hier ist alles sehr alt. Es gibt neue Häuser, seit ich geflohen bin, die sehen fast aus wie in Deutschland. Aber die meisten Häuser sind sehr alt und werden nicht renoviert. Die Aufzüge sind dreckig und sehr alt. Das kann man alles mit Flensburg nicht vergleichen. Niemand hält hier etwas sauber, niemand renoviert, das interessiert hier niemanden. Viele haben kein Geld, aber auch die, die Geld haben, interessieren sich nicht dafür. Auch wenn ich Geld habe, warum soll ich das Haus oder den Aufzug renovieren? So denken hier alle Leute.
Insgesamt wohnen die Leute besser als vorher, als ich geflohen bin. Es gibt mehr Bewegung. Ich glaube, es kommt viel Geld aus dem Ausland, aber es gibt auch mehr Arbeitsplätze. Es gibt auch viel Hilfe aus Russland, den USA und aus der EU. Aber sehr viel Geld kommt privat aus dem Ausland. Sehr, sehr viel Geld kommt nur dadurch.
Ich hatte mir schon in Deutschland überlegt: Wenn ich abgeschoben werde, kann ich nicht in Armavir leben. Und ich hatte mir vorgenommen, auch eine eigene Wohnung zu mieten, zusammen mit Freundinnen. Seit dem ersten Tag suche ich eine Wohnung, eine normale Wohnung, wo man echt leben kann. Doch bisher kann ich eine solche Wohnung nicht finden. Ich kaufe jede Woche eine Zeitung, die heißt "Gind". Dort sind viele Anzeigen für Wohnung, zu verkaufen und zu vermieten. Die Zeitung hat keine Artikel, es sind nur Anzeigen. In der Zeitung gucke ich auch nach Jobs. Die Zeitung kostet 150 Dram (1 Euro sind 540 Dram).
Eine renovierte Drei-Zimmer-Wohnung kostet 100.000 Dram im Monat, das ist doppelt so teuer wie damals, als ich geflohen bin. Das sind 190 bis 200 Euro im Monat. Eine sehr gute Wohnung dieser Größe kostet 400 bis 600 Euro, im Zentrum sind die Wohnungen teurer als etwas weiter weg vom Zentrum. Ich versuche mit einer Freundin eine Zwei-Zimmer-Wohnung zu finden, sie muss aber weniger als 70.000 Dram kosten. Es gibt auch Drei-Zimmer-Wohnungen für weniger als 50.000 Dram, aber da kann man überhaupt nicht leben. Ganz schrecklich. Die sind dann ohne Wasser, unglaublich, man kann dort nur schlafen und aufstehen. Das kann ich nicht. Wir suchen jetzt eine Wohnung zu Zweit oder zu Dritt. Ich brauche ein eigenes Zimmer.
Wir, das sind zwei Freundinnen und ich. Ich habe viele Freundinnen, aber bei den beiden würde ich sagen, es sind meine besten Freundinnen. Es sind Tiruhi und Ester. Wir haben uns, glaube ich, mit 13 oder 14 kennen gelernt. Ich bin dann nach Deutschland geflohen, sie studieren inzwischen im 8. Semester. Beide studieren in Eriwan Medizin, wo auch viele, viele Ausländer studieren. Zwei oder drei Jahre haben wir überhaupt keinen Kontakt gehabt, weil ich keine Zeit hatte, daran zu denken. Es war sehr anstrengend für mich in Deutschland. Ich konnte nicht an sie denken. Zuletzt hatte ich dann wieder viel Kontakt, sogar mit ihnen gesprochen, also telefoniert. Jetzt habe ich zwei oder drei Mal in der Woche Kontakt mit ihnen.
Im Moment sind wir ja sechs Personen zusammen in einer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung, eine Katastrophe. Ich schlafe bei Tina im Zimmer, immer mindestens zu zweit in einem Zimmer. Sonst bei der Schwägerin von Tina, aber das ist das Wohnzimmer, wo wir dann schlafen. Wir sind beide gar nicht eingeplant. Wir haben sonst alles, einen CD-Player von Sony, Video, Fernseher. Wir haben zwei Fernseher, einer gehört mir, ich darf sehen, was ich will. Aber ich kann kein deutsches Programm empfangen, das finde ich sehr langweilig. Ich muss immer Russisch oder Armenisch hören. Wenn ich umziehe, brauche ich unbedingt Satelliten-Empfang, das muss ich kaufen oder irgendwie besorgen. Egal, ich muss das machen. Für mich gibt es sonst kein interessantes Programm, das ich gucken kann.
Am interessantesten finde ich "Armenia-TV", da kann man viel hören von Deutschland. Es gibt auch Euro-News, das gucke ich jeden Tag. Es gibt auch Kochsendungen, Quiz, auch seit einem Jahr Gerichts-Shows. Aber das kann ich nicht gucken, denn das Gericht entscheidet nicht immer richtig. Ich glaube, das Gericht entscheidet irgendwie, und niemand darf sagen, wenn das Gericht falsch entscheidet. Hier haben alle Angst. Angst vor dem Gericht, Angst dass sie Geld bezahlen müssen, wenn sie gesagt haben, dass etwas falsch ist.
Musik kann ich immer hören. Das gibt keinen Streit wie in Deutschland, das geht auch um 11 Uhr abends noch sehr laut. Nur das Kind kann nicht schlafen, die Mutter hat immer was dagegen. Tina kommt immer: "Sona, bitte lass mein Kind schlafen."
Ich habe schon eine sehr gute Wohnung gefunden, zweieinhalb Zimmer für 65.000 Dram, aber ich habe zu spät angerufen, jemand anders hatte sie schon gemietet. Es gibt sehr viele freie Wohnungen in Armenien. Sehr, sehr viele Häuser und Wohnung, zu verkaufen oder zu vermieten. Ich glaube, die meisten sind nach Deutschland geflogen. Oder nach Amerika. Ich verstehe aber nicht, warum die Wohnungen so teuer geworden sind. Vielleicht, weil auch viele zurückkommen. Oder weil viele aus dem Ausland Geld schicken. Mein Schwager sagt, dass viele Armenier aus dem Ausland Häuser oder Wohnungen kaufen, deshalb werden sie hier teurer. Besonders alte Leute kommen zurück und haben Geld. Die jungen Menschen gehen, die alten kommen - ich glaube, Armenien wird ein Altersheim.
Als ich im August nach Armenien abgeschoben worden war, wusste das erst keine von meinen Freundinnen aus Armenien. Ich war sehr traurig. Ich hatte überhaupt keine Lust, mich mit jemanden zu treffen. Mit Reinhard war ich auch sehr beschäftigt wegen meines Artikels. Aber die gleiche Woche war ich im Internet-Café und ich war sehr überrascht. Ich hatte ungefähr vierzig e-Mails aus Deutschland bekommen. Viele meiner Freunde aus der VHS und DSH hatten mir geschrieben, auch unbekannte. Fast alles haben mir schöne Glückwünsche geschickt, weil ich am achten August Geburtstag hatte. Dabei waren auch Anke Spoorendonk vom SSW, Joachim Pohl vom Flensburger Tageblatt und alle meine Lehrerinnen und Lehrer. Das war unglaublich, dass die alle so schnell gewusst haben, dass ich abgeschoben bin. Nur einen Tag vor der Abschiebung hatte ich beim Flensburger Tageblatt Praktikum gemacht.
Nach zehn Tage habe ich mir überlegt, mich mit allen meinen Freundinnen zu treffen, aber das wäre an einem Tag unmöglich, weil es zu viel sind. Ich habe nur meine besten Freundinnen die Medizin studieren, angerufen. Tiruhi habe ich erreicht, weil sie in Eriwan wohnt. Die andere, Ester ist wie ich in Armavir geboren und aufgewachsen. Sie war nicht zu Hause, aber ihren Vater hat versprochen, dass er über mich nichts sagt, wenn sie nach Hause kommt. Ich wollte sie überraschen. Ich dachte sie kann es gar nicht glauben, weil ich am zweiten August noch mit ihr gesprochen habe, und über Abschiebung haben wir gar nicht geredet. Einige Stunden später, als ich im Internet-Café mit Reinhard telefonierte, hielt mir plötzlich jemand von hinten mit den Händen die Augen zu. Als ich mich umdrehte, schrie Ester sehr laut. "Ich glaube es gar nicht Süße, bist das du, warum hast du das nicht vorher gesagt?" - "Wenn ich gewusst hätte, was mit mir passiert, dann hätte ich dir auch was gesagt." Sie sagte, dass ich mich sehr verändert habe. Wenn sie mich auf die Straße gesehen hätte, hätte sie mich gar nicht erkannt. Ich konnte sie nicht überraschen, das hatte ihr Vater für mich gemacht. Sie war sehr froh, weil ich da war, aber auch sehr böse, weil ich schon 10 Tage in Armenien war, und zwar sehr nah, und mich nicht bei ihr gemeldet hatte. Ich bat sie, niemandem zu erzählen, dass ich wieder da bin, weil ich noch viel zu tun hatte mit Reinhard. Aber nach zwei Tage war ich mit Tina in der Uni, und da habe ich einen Schulfreund von mir getroffen. Das war wieder eine sehr große Überraschung. Er hat sich sehr gefreut und versprochen, dass die ganze Klasse eine Party für mich machen würde, damit ich alle treffen kann, auch alle meine Lehrerinnen und Lehrer vom Gymnasium.
Außer zu meinen Freunden in Deutschland versuche ich auch in Eriwan zu Deutschen Kontakt zu haben, aber das ist sehr schwer. Es gibt sehr wenige in Armenien. Trotzdem hat es geklappt. Die erste Deutsche, die ich gefunden habe, war Ruth Büttner. Sie arbeitet beim Deutschen Akademischen Austausch Dienst (DAAD) in Armenien. Sie hilft allen Studenten, die in Deutschland studieren wollen. Ich wollte gerne bei ihr ein Praktikum machen und deshalb habe ich mich bei ihr gemeldet. Die Idee hatte natürlich Reinhard. Tina und ich haben sehr lange gesucht, wo eigentlich Frau Büttner arbeitet, weil sie gerade erst umgezogen war. Als wir reinkamen, wollte uns die Sekretärin, die auch als Dolmetscherin arbeitet, zu Ruth begleiten, um zu dolmetschen, aber ich habe erst sie auf deutsch begrüßt und bin dann gerade zu Ruth. Sie war sehr freundlich zu uns und hat sich auch gefreut, weil Tina und ich mit ihr deutsch sprachen. Sie sagte, dass ich meinen Lebenslauf schicken und auf die Antwort warten sollte. So, ich warte noch.
Mein zweites Treffen mit einem Deutschen war sehr interessant. Am 5. Oktober haben mich meine beiden Freundinnen zur Feier des 75. Geburtstages der Medizinischen Uni eingeladen, wo viele Besuchen aus dem Ausland und auch aus Deutschland sind. Da konnte ich nicht absagen. Die ausländischen Besucher saßen alle in den ersten zwei Reihen. Ich habe genau dahinter in der dritte Reihe gesessen, weil ich unbedingt Deutsche suchen wollte. Viele von denen haben spanisch, syrisch oder armenisch gesprochen. Ich war sehr enttäuscht, aber die Hoffnung habe ich nicht verloren. Ich habe einen Mann, der mir gegenüber saß, auf armenisch gefragt, ob es hier einen deutschen Gast oder Lehrer gibt. Er antwortete mir auch auf armenisch: "Lehrer oder Lehrerin haben wir nicht, aber der Gast bin ich, und es ist noch eine Frau aus Deutschland ist da." - "Was", habe ich gefragt, "Sie sind aus Deutschland?" - "Ja", sagte er und guckte mich komisch an. "Ich auch", habe ich jetzt schon auf deutsch gesagt. Er lachte und hat sich vorgestellt. Wir habe lange zusammen gesprochen. Er hatte in Eriwan sieben Jahre Medizin studiert. Er sprach fast perfekt Armenisch. Er glaubte nicht, dass ich nicht in Deutschland geboren bin, und dass ich nur drei Jahren da gelebt habe. Er sagte, dass ich sehr gut deutsch kann und zwar ohne Akzent. Am Ende war ich sehr zufrieden und auch dankbar meinen beiden Freundinnen gegenüber, weil die genau wissen, dass ich sogar auf der Straße nach Menschen suche, die deutsch sprechen.
Mein bestes Treffen war das letzte, als ich eine deutsch-armenische Familie aus Kiel kennen gelernt habe. War natürlich wieder Reinhards Idee. Kristine, Martins Frau, kommt aus Armenien, und Martin ist ein toller Deutscher. Also, eine außergewöhnliche Familie. Die waren zusammen in Eriwan im Urlaub. Wir mussten uns alle treffen, weil Martin mir aus Deutschland Geld und eine Digitalkamera von Reinhard mitgebracht hatte. Zwei Tage haben wir uns gegenseitig angerufen, aber immer waren ich oder sie nicht erreichbar. Schließlich habe ich Kristines ihrer Mutter gesagt, dass sie mich auch sehr spät am Abend anrufen könnten.
Am gleichen Abend hatte Eriwan 2787. Geburtstag. Es war eine sehr große Party in der Stadt. Viele Leute liefen hin und her. Tina, mein Schwager und ich waren auch da. Wir sind vor der Oper, wo auch viele Leute waren, spazieren gegangen. Plötzlich habe ich hinter mir deutsch gehört. Ein altes Ehepaar aus Bayern. Das habe ich selber verstanden, ich glaube, alle kennen die bayerische Sprache. Die suchten einen bestimmten Platz, und als ich näher kam, fragte ich, ob ich helfen kann. Der Mann hat seine Frau angeguckt und die Frau ihren Mann, und beide zusammen haben mich gefragt, ob ich deutsch kann. Der Mann war sehr froh und sagte mir: "Es ist eine große Überraschung, wenn man im Ausland von jemanden seine eigene Muttersprache hört." Die sind mit einem Maler aus Armenien, der ein Hochschullehrer in Frankfurt ist, nach Armenien gekommen. Die wollen unbedingt den Berg Ararat fotografieren und dafür mussten die nach Armavir, wo ich geboren bin, fahren. Denn da kann man den Berg deutlich sehen. Tina und ich haben ungefähr 20 Minuten mit ihnen gesprochen. War sehr nett, Tina hat sich auch sehr gefreut, weil sie wenig mit Deutschen Kontakt hat.
Dann sind wir wieder weiter zum Geburtstag gelaufen. Auf dem Weg habe ich Tina gesagt, dass hier bestimmt irgendwo auch Kristine und Martin spazieren, weil ihre Mutter mir gesagt hat, dass sie auch in der Stadt sind. Nach ein paar Minuten habe ich wieder hinter mir deutsch gehört. "Was ist los mit Erivan?", sagte ich. "Alle reden deutsch?" Ich gucke mich um, und was sehe ich da: Martin, Kristine und Freunde. "Was ist für ein Zufall,"sagte Kristine. "Ja, endlich habe ich euch beide getroffen, vielleicht sollten wir uns so zufällig treffen?"
Es war sehr lustig, als Martin am Anfang mit mir Englisch sprach. Wir habe gelacht, und ich sagte zu Martin: "Hallo Martin, ich spreche auch deutsch, ich bin Sona." - "Ach ja, Sona, du warst ganz anders auf den Fotos im Gegenwind. Sie haben mich sofort eingeladen, aber ich musste absagen, weil ich nicht allein war. Dann habe wir uns verabredet, um uns am nächsten Abend zu treffen.
Sona Shirvanyan
Fortsetzung in der nächsten Ausgabe
Anfang August wurde Sona abgeschoben. Sie setzt ihr Praktikum beim Gegenwind natürlich fort. Zur Zeit gilt für sie eine "Einreisesperre", erst ab 2008 darf sie ein Visum zum Besuch oder Studium in Deutschland beantragen. Für die Öffentlichkeitsarbeit, die bis dahin nötig ist, brauchen wir Geld:
Spendet!
Gesellschaft für politische Bildung e.V.
Konto 1300 19 - 201
Postbank Hamburg (BLZ 200 100 20)
Stichwort: Sona
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Zum 91. Jahrestag des Völkermords an den Armeniern