(Gegenwind 227, August 2007)

Interview mit Perihane Ceji

"Ein Dolmetscher ist nie fertig mit seiner Schulung"

Perihane Ceji

Gegenwind:

Wie lange dolmetscht du schon?

Perihane Ceji:

Ich bin seit 1999 als Dolmetscherin amtlich tätig. Vorher habe ich auch gedolmetscht, aber nicht für Behörden, sondern privat bei Ärzten, Anwälten, Beratungsstellen usw. Ich habe auch schriftliche Übersetzungen für ein Büro zu Hause gemacht. Aber seit 1999 bin ich vereidigt für die albanische und die serbokroatische Sprache.

Gegenwind:

Wie lange bist du insgesamt in Deutschland?

Perihane Ceji:

Seit 1986.

Gegenwind:

Erinnerst du dich, wann du das erste Mal bei der Polizei gedolmetscht hast?

Perihane Ceji:

Ja. Es war im Jahr 1999. Ich habe für eine Frau gedolmetscht, sie sollte eine Aussage machen. Ich hatte vorher Bedenken, ob das geht, aber es ist alles sehr unproblematisch gelaufen. Es war sehr bewegend, weil es auch Bilder gab von der Frau, die von ihrem Ehemann geschlagen wurde. Sie hatte schon eine Anzeige gemacht und dann zurückgezogen. Dies wiederholte sich mehrfach. Es war ziemlich kompliziert.

Gegenwind:

Hast du das Dolmetschen gelernt?

Perihane Ceji:

Fast alles habe ich mir selbst beigebracht. Ich habe versucht fachliche Informationen zu sammeln, mich durch viele Fortbildungen weiterzubilden, Artikel und Bücher gelesen.

Gegenwind:

Wie hast du es geschafft, zum Gericht zu einer Verhandlung geladen zu werden?

Perihane Ceji:

Ich konnte schon ziemlich viel nachweisen, was ich gemacht habe, ich habe früher in Hessen gelebt und gedolmetscht, dort habe ich mir auch meine Tätigkeiten dokumentieren lassen. Es gab unterschiedlichste Institutionen, wo ich tätig war, auch ein Dolmetscher-Büro, wo ich auch geschaut habe, wie die Dolmetscher und Übersetzer gearbeitet haben. Die haben mir auch bescheinigt, dass ich über zwei Jahre dort tätig war. Außerdem habe ich viel für Beratungsstellen und Frauen vom Frauenhaus gedolmetscht. Das wurde auch bescheinigt. Das kam zusammen damit, dass damals eine Albanisch-Dolmetscherin gesucht wurde, und so hatte ich das Glück, dass ich zur ersten Gerichtsverhandlung geladen wurde.

Gegenwind:

Und worum ging es in der Gerichtsverhandlung?

Perihane Ceji:

Es ging um Vergewaltigung. Es war ein ziemlich schwieriger Prozess, hat mehrere Tage gedauert, aber es war in Ordnung. Es wurde mir gesagt, dass ich es gut gemacht habe.

Gegenwind:

Hattest du vor der Verhandlung erfahren, worum es geht? War es für dich okay, als ersten Auftrag bei Gericht gleich so eine schwere Verhandlung zu dolmetschen?

Perihane Ceji:

Ja, ich hatte meine Bedenken. Ich wurde aber ermutigt dadurch, dass sie mich haben wollten, weil ich bereits vorher für Frauen tätig war. Die Betroffene wollte auch eine Frau als Dolmetscherin haben. Ich habe versucht, mich darüber zu informieren, habe vom Richter eine Kopie der Anklageschrift verlangt und bekommen, durchgelesen und wusste dadurch einigermaßen, was passiert war.

Gegenwind:

Gibt es besondere Probleme beim Dolmetschen von verschiedenen Sprachen, die ja von Kriegsgegnern gesprochen werden?

Perihane Ceji:

Ja. Ich bin ja auch für verschiedene Sprachen tätig, für Serbisch und Albanisch. Ich hatte auch einige Fälle, wo die Menschen Bedenken hatten: "Ich bin ein Serbe, das ist eine Albanerin, wie wird sie sich verhalten?" Im Nachhinein habe ich nur gute Erfahrungen gemacht, die Leute haben gesehen, ich bin neutral, ich mache nur meine Arbeit, und das war in Ordnung. Ich hatte auch einen Fall, wo es um eine Therapie ging für eine Frau, die durch schlimme Erlebnisse im Krieg traumatisiert wurde, und die Therapeutin kannte mich und wollte mich unbedingt haben, aber die Betroffene meinte: "Nein, keine Albanerin, die Albaner haben mir schlimme Sachen angetan." Die Therapeutin hat ihr erklärt, dass ich neutral bin und meine Arbeit gut mache und sie mich erst mal kennenlernen soll in einer Sitzung und dann entscheiden. Das haben wir auch gemacht, und nach diesem Treffen war die Frau total entspannt und wir haben eine langjährige Therapie durchgeführt.
Meine Auftraggeber wissen zu schätzen, dass ich fast alle Sprachen und Dialekte aus dem Gebiet von Ex-Jugoslawien und Albanien spreche und zwar nicht nur wegen meiner Schulbildung in der albanischen, serbokroatischen und deutschen Sprache, sondern auch wegen meiner Kenntnisse durch die Herkunft (meine Eltern kommen aus verschiedenen Volks- und Kulturgruppen), meine Lebenserfahrung (in der Jugendzeit wechselte meine Familie mehrfach den Wohnsitz, dadurch lernte ich verschiedene Dialekte und Gebräuche die für Dolmetschen sehr hilfreich sind), durch die intensive Erlebnisse in der Zeit des Kommunismus mit Präsident Tito, die Diktaturzeit des Enver Hoxha in Albanien und hautnahe Erlebnisse aus dem Bürgerkrieg in Ex-Jugoslawien. Ich wuchs in einer Gesellschaft, wo vor dem Bürgerkrieg Muslime, Katholiken und Orthodoxe friedlich nebeneinander lebten. Ich lernte alle religiösen Feier, Gebräuche und Traditionen. Mit fünf Jahren lernte ich im Kindergarten die kyrillische Schrift. Ich beschäftigte mich intensiv mit dem Kodex des Leke Dugagjini in Kosovo, was für sehr lange Zeit für die Albaner in Kosovo und Albanien das inoffizielle Gesetz war. Meiner Meinung nach lernt man im täglichen Leben viele Sachen, die man in keiner Schule lernen kann. Ein Dolmetscher ist nie fertig mit seiner Schulung. Er muss ständig auf dem Laufenden bleiben und politische und Kulturereignisse verfolgen. Außerdem darf man nicht vergessen, dass eine Sprache lebt und sich ständig entwickelt. Dieser Entwicklung muss ein Dolmetscher und Übersetzer unbedingt folgen.

Gegenwind:

Bei welchen verschiedenen Gerichten warst du schon tätig?

Perihane Ceji:

Ich war beim Amtsgericht, Landgericht, Verwaltungsgericht, Sozialgericht, Arbeitsgericht, und zwar alles schon am Anfang. Das ging ziemlich flott. Ich war erfreut und gleichzeitig überrascht, dass ich nach der Vereidigung sofort im Landgericht tätig sein durfte. In der Zeit waren einfach mehr Albaner hier, es war Krieg im Kosovo, mit vielen Flüchtlingen kamen auch einige Kriminelle her - nicht nur Albaner, sondern allgemein aus Ex-Jugoslawien. Und es gab wenige Dolmetscher.

Gegenwind:

Was ist denn schwerer - Verwaltungsgerichtsprozesse oder Strafprozesse?

Perihane Ceji:

Strafprozesse mit Kriminellen sind schwieriger. Es ist komplexer, es sind viele Beteiligte, es kommen Zeugen, viele Fragen dazu, man hat mit mehr Personen zu tun, mehrere Anwälte, Sachverständige, Publikum - und von daher ist die Aufregung auch größer. Beim Verwaltungsgericht sind nicht so viele Leute anwesend, da ist kein Staatsanwalt, weil das Bundesamt nicht kommt, es ist nur ein Richter und vielleicht ein oder zwei Anwälte, einer aus dem Kreis, die Betroffenen und wenige Zuschauer. Die Atmosphäre ist auch anders, die Aufregung ist nicht so groß. Aber die psychische Belastung bei einer Verhandlung beim Verwaltungsgericht ist auch nicht außer Acht zu lassen. Es wird darüber entschieden, ob ein Mensch der hier in Deutschland Zuflucht gesucht hat, Asyl bekommt und hier bleiben darf oder nicht. Nicht jeder bekommt das Recht. Es sind viele bewegende Schicksäle, es fließen viele Tränen, die meisten Antragsteller sind vom Bürgerkrieg traumatisiert und bei so einer Verhandlung kommen viele Erlebnisse hoch. Es handelt sich meistens um politisch verfolgte, im Krieg misshandelte und missbrauchte Menschen. Es finden mehrere Verhandlungen am Tag statt. Ein Schicksal nach dem anderen wird verhandelt. Es wird eine Zukunft nach der anderen entschieden. Am Ende der Verhandlungen bleibt man alleine mit den ganzen Erlebnissen und muss versuchen damit klar zu kommen. Am Anfang war es für mich belastend aber mit der Zeit lernt man damit umzugehen.

Gegenwind:

Hat sich Aufregung auch mal gegen dich gerichtet? Wurde dir schon mal vorgeworfen, falsch zu dolmetschen?

Perihane Ceji:

Nein, so was hatte ich nicht. Ich hatte es umgekehrt. Bei einer Gerichtsverhandlung, war der Fall dass ein Übersetzer bei der Übersetzung von Telefongesprächen ein Wort falsch übersetzt hatte. Das veränderte den ganzen Sinn. Das wollte ich klarstellen, ich habe auch ein Wörterbuch mit Erklärungen vorgelegt. Ich hatte sonst nur mal den Fall, dass ich mich an ein Wort nicht erinnern konnte, obwohl es ganz einfach war, das Wort "Regierung" fiel mir nicht ein. Das ist ein Blackout, es kam einfach nicht. Ich habe es beschrieben, und mit Hilfe des Richters kam das Wort dann etwas später doch noch. Die Richter sind nicht so streng, die haben auch Verständnis, dass die Dolmetscherin auch ein Mensch ist.

Gegenwind:

Benutzt du während der Verhandlung ein Wörterbuch?

Perihane Ceji:

Ja. Ich bin jedes Mal vorbereitet, immer und grundsätzlich ist das Wörterbuch in meiner Tasche oder auf dem Tisch, denn solche Sachen können immer passieren. Man muss dann etwas haben, wonach man greifen kann. Ich mache mir auch immer Notizen, ich versuche immer die Anklageschrift vorher zu bekommen, damit ich ungefähr weiß, worum es geht. Ich kann nicht in die Verhandlung gehen und das erst dann erfahren. Diese Vorbereitung ist wichtig.

Gegenwind:

Gibt es denn alle Begriffe aus dem Strafrecht und Verwaltungsrecht in deinen Wörterbüchern?

Perihane Ceji:

Das ist für die albanische und serbokroatische Sprache sehr schwierig. Für Handel habe ich keine Wörterbücher gefunden. Dann muss ich versuchen, anders klarzukommen. Ich muss Fachbücher aus der Heimat holen und Vokabelverzeichnisse führen. Aber ein Universalwörterbuch und ein deutsches Rechtswörterbuch habe ich immer mit.

Gegenwind:

Wie verhältst du dich, wenn Äußerungen in der Muttersprache zweideutig sind und in einer bestimmten Situation anders verstanden werden als sie in der Verdolmetschung klingen? Darfst du dann erklären?

Perihane Ceji:

Das hängt immer vom Fall ab, wie es verläuft und wie es gesagt wird. Meistens merkt der Richter auch, dass etwas nicht in Ordnung ist, wenn es gesagt wurde, und fragt dann, was meint er damit. Dann erkläre ich das. Aber es gibt auch Fälle, wo keiner das merkt, und dann ist es eine schwierige Entscheidung. Man entscheidet dann von Fall zu Fall. Man ist ja auch nicht als Sachverständige tätig, denn dann greift auch jemand ein und sagt, das ist nicht Ihre Arbeit. Als Dolmetscher ist man daran gewohnt "die Stimme" zu sein, ohne an das Gespräch teilzunehmen. Man redet in der Ich-Form, damit meint man aber nicht sich selbst, sondern den Gesprächspartner. Man lernt das Wort für Wort weiterzugeben was der andere sagt, ohne es zu verändern oder vorzuenthalten, zu interpretieren oder zu kommentieren. Ein Dolmetscher arbeitet im Auftrag des Staates. Schließlich hat man ein Eid abgelegt, treu und gewissenhaft zu übersetzen.

Gegenwind:

Hast du es schon erlebt, dass du bei Flüchtlingen am Albanisch hörst, dass sie aus einem anderen Land kommen als sie behaupten?

Perihane Ceji:

Ja, das hatte ich. Aber ich werde da als Dolmetscherin bestellt und nicht als Sachverständige. Ich werde von den Auftraggebern auch nicht gefragt, ob ich das einschätzen kann. Vielleicht, wenn sie mich als Sachverständige laden würden, würde ich meine Meinung sagen. Aber solange ich dort zum Dolmetschen bin, ist das nicht mehr Arbeit.

Gegenwind:

Hattest du auch schon mit Abschiebungen zu tun? Ist das für dich schwerer, wenn dir die Leute leid tun?

Perihane Ceji:

Ja, hatte ich. Das ist vielleicht manchmal so, wenn es Familien mit Kleinkindern sind, tut es mir schon leid. Ich hatte einmal eine Familie mit kleinen Kindern, die schon fast in allen Ländern in Europa war und versucht hat, dort zu bleiben. Aber durch das Abkommen wurden sie immer wieder nach Deutschland geschickt, und in Deutschland hatten sie kein Asyl bekommen. Sie sind immer wieder in ein anderes Land geflüchtet und immer wieder nach Deutschland abgeschoben worden. Sie taten mir schon leid, sie hatten kleine Kinder und konnten nicht zurück. Seit zehn Jahren lebten sie heimatlos, und vor kurzem wurden sie von Deutschland nach Kosovo abgeschoben.

Gegenwind:

Du hast ja selbst Kinder. Was nimmst du von den Belastungen als Dolmetscherin mit nach Hause? Was müssen deine Kinder aushalten?

Perihane Ceji:

Das ist jedes Mal schwierig, wenn es was Bewegendes gibt. Das trifft dich, es bedrückt dich, man nimmt es mit nach Hause. Das ist nicht so einfach, zu Hause abzuschalten. Man hat Schweigepflicht, darf nicht darüber reden, auf der anderen Seite ist es bewegend gewesen, man ist aufgeregt, man braucht jemanden, mit dem man redet. Es geht nicht spurlos an einem vorbei, und man kann nicht unbeschwert nach Hause kommen und alles vergessen.

Gegenwind:

Wenn du für die Polizei und das Gericht arbeitest, machst du dich ja nicht bei allen Landsleuten beliebt. Bist du schon mal bedroht worden?

Perihane Ceji:

Im Gegenteil. Ich habe viel mit Flüchtlingen, mit Frauen gearbeitet, die Probleme hatten, mit Frauen die in Frauenhäuser geflüchtet sind. Es ist ein schönes Gefühl, für sie zu dolmetschen und ihnen zu helfen. Viele sind dankbar und glücklich dass ich da bin. Aber ein paar mal habe ich gehört, dass die Ehemänner ziemlich sauer auf mich waren. Anscheinend vergessen sie, dass es mein Beruf ist. Kann schon sein, dass sie mich nicht mögen, aber bedroht wurde ich nicht.

Gegenwind:

Was rätst du Berufsanfängerinnen? Haben sie eine Chance bei Gerichten?

Perihane Ceji:

Wenn sie das wirklich wollen und dafür arbeiten, bereit sind einiges zu tun, dann schaffen sie es auf jeden Fall.

Gegenwind:

Wie ist denn das Verhältnis der Dolmetscherinnen und Dolmetscher untereinander, die beim Gericht arbeiten? Sind es Konkurrenten, die sich die Termine nicht gönnen, oder arbeiten sie zusammen?

Perihane Ceji:

So wie überall gibt es solche und solche. Bei Dolmetschern ist es genauso. Ich sehe in anderen Dolmetschern keine Konkurrenz. Ich habe immer Aufträge gehabt, immer genügend, und ich brauchte nicht auf andere eifersüchtig zu sein. Ich hatte den Fall, dass ich andere Termine hatte oder geschäftlich im Ausland war, dass ich meinen "Konkurrenten" selbst angerufen habe und Aufträge weitergegeben haben. Aber zurück bekommen habe ich nichts. Nicht alle sind wie ich.

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