(Gegenwind 233, Februar 2008)
Im August 2005 wurde Sona Shirvanyan aus Flensburg abgeschoben, während sie beim Gegenwind ein Praktikum absolvierte. In Armenien holte sie ihr Abitur nach und begann im August 2006 ein Germanistik-Studium. Währenddessen musste sie sich auch Arbeit suchen. Dank des Internets ist das heutzutage weltweit möglich. In diesem Beitrag schildert sie, wie sie und ihre Schwester ihren Lebensunterhalt sichern.
Die Geschichte fing vor zwei Jahren an, als ich schon ein paar Monaten aus Deutschland nach Armenien abgeschoben war. Der einzige Mensch, der mir gerne half, war Reinhard. Er suchte überall Angebote und Möglichkeiten, damit ich meine Schulden gegenüber der Ausländerbehörde bezahlen und nach Deutschland zurückfahren kann.
Damals hat Reinhard in einem Internet-Forum (www.armenien.am) einen Beitrag von einer Armenierin aus Hessen, die Ira heißt, gelesen. Dort stand, dass eine nette Firma jemanden sucht, der in Armenien die Hotels und privaten Unterkünfte besucht, fotografiert, Informationen sammelt und eine Seite aufbaut. Dann sollte man das an mehrere Suchmaschinen anbinden - und je nach online-Reservierungen bezahlt werden, also bei jeder Buchung bekommt man Prozente. Sie schrieb, dass sie mit ihren neugeborenen Kind beschäftigt ist und für die Arbeit keine Zeit hat. Deswegen leitete sie das Angebot an denjenigen weiter, die Interesse und Begeisterungen dafür haben.
Reinhard dachte, dass es für mich eine sehr gute Möglichkeit ist, für die Abzahlung meiner Schulden und für die Lebenshaltungskosten Geld zu verdienen.
Weil ich schon eine Digital-Kamera von Reinhard bekommen hatte und Text schreiben konnte, bei denen Reinhard auch bereit war zu helfen, habe ich mich sehr gefreut und sofort zugestimmt. Mit den Suchmaschinenoptimierungen, Online-Buchungen und so weiter konnte mein Schwager helfen, weil er Informatik studiert. Also, ich hatte damit kein Problem.
Dann habe ich mich bei der Firma gemeldet und folgende Mail geschrieben: "Ich heiße Sona Shirvanyan und wohne in Eriwan/Armenien. Ich kann für Sie zu Hotels fahren, dort Fotos machen und alle Informationen aufnehme und Ihnen die Fotos und Texte zuschicken. Ich habe eine Digital-Kamera und habe auch schon Texte auf deutsch verfasst und veröffentlicht. Wir können dann besprechen, wie diese Arbeit in Zukunft aussehen soll."
Weil ich vier Wochen lang keine Antwort bekam, schrieb ich noch eine Mail, stellte mich wieder kurz vor und sagte, dass ich auf die Antwort warte.


Endlich hatte ich die Antwort von dieser Firma bekommen. "Was lange währt, wird schließlich gut", schrieb Eike Möllenhoff. Wie Ira beschrieben hatte, war das wirklich eine nette Firma mit einem netten Chef.
Schon am Anfang gab es Missverständnisse. Bei dieser Arbeit ging es gar nicht um armenische Hotels und private Unterkünfte, wie Ira geglaubt hatte. Es ging um die Seite www.fincaferien.de, die beschäftigt sich mit Ferienhaus-Vermittlungen in Spanien. Und meine Aufgabe war es, Linkpartner zu suchen, die Seiten zu optimieren und mit Front-Page arbeiten zu lernen. Aber das haben wir schwer rausgekriegt, was ich genau machen sollte.
Eike dachte, dass ich eine Deutsche bin, die einen reichen Armenier geheiratet ist und als Hochschullehrerin in Armenien arbietet, weil ich sehr gut deutsch geschrieben hatte. Erst später hat Eike meinen Artikel "Dienstag fliegst du nach Armenien" im Gegenwind gelesen.
Ich musste erst lernen, was Suchmaschinenoptimierung ist oder wie ich mit Front-Page umgehen soll. Ich habe am Anfang nicht einmal gewusst, dass das Wort "Suchmaschine" das gleich wie Google ist. Wenn Reinhard mir nicht jede Mail von Eike zweimal erklärt hätte, hätte ich schon lange mit Eike nichts mehr zu tun gehabt. Das nervte immer, wenn ich sehr lange Mails von Eike bekam und nur einige Sätze verstand.
Danach haben wir paar Mal telefoniert und oft geschrieben. Er schien mir ein sehr netter Mensch. Er war sehr geduldig mit mir. Er hat mir sogar zweimal Rechnung entworfen, das war eine gute Motivation.
Und als Leif, mein Freund, zum ersten Mal nach Armenien zu mir kam, hatte Eike ihm eine CD mit Front-Page mitgegeben, damit ich alles lerne.
Eike wollte, dass ich arbeite und zugleich lerne. Er meinte, wenn man lernt, kann man schon gleichzeitig damit Geld verdienen. "Probieren geht über studieren", sagt er.
Es wäre besser gewesen, wenn ich genug Zeit gehabt hätte, um alles schaffen zu können, was Eike wollte. Aber mit dem gleichzeitigen Studium war es unmöglich. Es ging immer nur ganz langsam weiter. Man musste sich gut konzentrieren und brauchte immer mehr Zeit als gedacht. Und deswegen schrieb Eike schließlich, dass Reinhard gesagt hat ich habe eine Schwester die auch Germanistik bereits fertig studiert hat und deren Mann Informatik studiert und dass sie ein Kind hat. Er wollte Kontakt zu meiner Schwester haben. Sie war zu Hause und hatte viel Zeit für diese Arbeit.
Das hatte mich gefreut. Ich sagte meiner Schwester Tina, dass Eike mit ihr weiter arbeiten will. Sie hatte sich grenzenlos gefreut, weil sie sich schon lange gewünscht hatte, mit Deutschen Kontakt zu haben.
Es war für Tina leichter zu verstehen, worum es geht, weil ich ja schon alles erfahren hatte. Aber Missverständnisse gab's immer noch.
Und die Arbeit lief weiter. Eike schrieb manchmal, dass er gern nach Armenien fahren will, aber das glaubten Tina und ich nicht, weil Armenien ein unbekanntes Land für Eike war, und wir dachten: Was hat er in Armenien zu tun. Aber wir fühlten immer, dass Eike sich sehr für Armenien interessiert. Er machte oft Bemerkungen über die armenische Geschichte und armenische Schriftsteller.
Eines Tages bekamen wir von Eike eine Mail, wo er schrieb, dass er schon für den 19. September 2007 einen Flug von Köln nach Eriwan gebucht hatte und drei Wochen bleiben wollte. Tina sah die Mail als Erste und rief mich schockiert an. Sie hatte nicht geglaubt, dass es wirklich so ist. Sie schrie am Telefon, was soll ich machen, wie soll ich deutsch reden, soll ich eine Wohnung für ihn suchen?
Ich war nicht schockiert, ich habe mich sehr gefreut. Ich sagte Tina, dass wir noch sehr viel Zeit bis zum Termin haben und noch mit Eike reden würden.
Aber dann kam der 19. September. Wir, also Tina, ihr Mann Artak, das Kind und ich waren im Flughafen. Wir waren sehr nervös. Eike hatten wir noch nie gesehen. Als das Flugzeug sich verspätete, plaudern Tina und ich. "Es kommt noch der Tag, dass ich Reinhard vom Flughafen abhole", denn mein Freund war schon zweimal in Armenien, auf Reinhard warte ich noch. Aber bis jetzt hat er noch keine Zeit für mich. Typisch deutscher Spruch "Ich habe keine Zeit." Also, ich habe noch große Hoffnung.
Eike hat sich gewundert, dass wir zu Viert im Flughafen waren. Er freute sich, dass sich vier Leute Zeit für ihn genommen haben. Aber er wusste ja schon, dass Armenier sehr gastfreundlich sind.
Am 21. September, dem Tag der Unabhängigkeit, waren wir in der Stadt, und das hat ihm sehr gefallen. Es war alles für ihn sehr eindrucksvoll.
Und schon ab 22. September fing der Unterricht mit Eike an. Er wollte in Armenien nirgendwo hin fahren, keine Fotos machen. Er sagte: "Ich bin nicht dafür hier, ich bin für die Arbeit in Armenien" und "Ich habe noch viel Zeit, Armenien zu besichtigen", oder auch: "Das ist das erste, aber nicht das letzte Mal".
Nach zwei Wochen hat er noch sein Visum um zwei Wochen verlängert. Er meinte, dass die Zeit nicht reicht. Er hatte Recht. Wir hatten von ihm sehr viel erfahren. Er ist ein sehr attraktiver Mensch, sehr hilfreich. Er ist innerlich jung, obwohl er 68 Jahre alt ist.
Als ich mit Eike an Texten arbeitete, erinnerte mich das an die schöne Zeit mit Reinhard im Gegenwind-Büro. Und genau so, als wir etwas zum Essen bestellen wollten. Das war so ähnlich.
Wir haben eine sehr schöne Zeit mit Eike in Armenien verbracht. Wir haben uns beim Abschied versprochen, dass wir uns wiedersehen.
Armenien hat ihm sehr gut gefallen. Als wir auf den Straßen mit dem Kind spazieren gingen, hat er immer alles mit Deutschland verglichen: die Leute, die Kultur, die Umgebung, sogar die Menschen, die ihn anlachten. Er meint, dass es in Deutschland so was nicht gibt, aber das wusste ich auch schon. Überall fand er es nett. Wie mein Freund denkt, denkt Eike auch, dass armenische Frauen extrem hübsch sind.
Zwei Tage später, als Eike wieder in Deutschland war, fingen wir mit der Arbeit durch das Internet an. Die Arbeit war anders als vor fünf Wochen, bevor Eike in Armenien war. Wir haben uns bei der Arbeit sehr gut verstanden.
Heute läuft das alles gut. Ich habe wegen des Studiums nicht so viel Zeit, mich mit der Arbeit zu beschäftigen, aber Tina macht das sowieso viel besser. Sprachlich hatte Tina einige wenige Probleme, aber sie hat jetzt sehr viele Bücher von Eike bekommen und liest ganz fleißig. Jetzt helfe ich ihr noch gelegentlich beim Übersetzen, bald brauchst die mich dafür hoffentlich gar nicht mehr.
Tina hat die Staatliche Universität in Eriwan absolviert. Im Vergleich zu Deutschland macht man in Armenien ganz ganz wenig Praktika. Sie hat 8 Semester gelernt, und nur in dem letzten Monat hat sie für 4 Wochen in einer Schule Praktikum gemacht. Das ist für eine Germanistin sehr wenig.
Eike sollte um 5 Uhr morgens fliegen. Er wollte uns in dieser Nacht nicht stören und bat nicht mit zum Flughafen zu fahren. Aber ich wollte das gerne. Und ich habe Eike überredet, dass ich um 4 Uhr bei ihm sein kann, schließlich habe ich im Gegensatz zu Tina kein Kind.
Auf dem Weg hat er mir seinen Kugelschreiber und eine elektrische Uhr geschenkt.
Auf dem Flughafen sagte er mir: "Du kannst schon gehen". Er hat mich umarmt und gesagt: "Ich komme wieder, alles wird sehr gut, nur noch ein paar Monaten, ich komme wieder". Und bis zu Tür guckte er mich lachend an und winkte.
Ich vergesse seinen Blick nie.
Sona Shirvanyan
Als dieser Artikel gerade fertig war, erfuhren wir, dass
Eike Möllenhoff
am 7. Januar in Deutschland tödlich verunglückt ist.
Wir sind unendlich traurig.
Es ist wirklich sehr schwer für uns. Wir können das gar nicht glauben. Ihr seid alle da, und ihr könnt das alles sehen und glauben. Wir wollten dabei sein und mit leiden.
Er hat uns unbegrenzt bei der Arbeit geholfen. Er war für uns wie ein Vater. Er war unser Lehrer. Wir werden das nie vergessen.
Aber wir haben das Gefühl, dass wir im Frühling Eike wieder sehen sollen. Wir denken, das ist ein böser Traum. Dass es nicht wahr ist.
Wir werden Eike immer in guter Erinnerung behalten.
Sona Shirvanyan
Tina Shirvanyan
Artak Nasaryan
Im Leben habe ich nie so einen Mensch getroffen, der alles aus ganzem Herzen getan hat. Er war ein besonderer Mensch, sehr klug, nett. Er hat mich mit einem Blick verstanden. Also, ich kann das nicht mehr mit Wörter beschreiben.
Ich weiß, dass ich niemals so einen Menschen treffe wie Eike, niemals. (Tina)