(Gegenwind 236, Mai 2008)

Im August 2005 wurde unsere Praktikantin Sona Shirvanyan aus Flensburg nach Armenien abgeschoben. Dort machte sie Abitur und begann das Studium der Germanistik. Zum fünften Mal berichtet sie uns jetzt über ihr Leben in Armenien.
Die Eriwaner Staatliche Linguistische W.-Brusov-Universität, wo ich jetzt im 3. Studienjahr Germanistik studiere, ist am 4. Februar 1935 als Pädagogische Russische Universität gegründet worden. Als erste Fremdsprache wurde Deutsch unterrichtet. Ein Jahr später kamen Italienisch und Englisch dazu.
Die Universität ist die einzige Linguistische Uni in Armenien, die nicht nur Lehrerinnen und Lehrer, sondern auch HochschuldozentInnen ausbildet. Meine Universität bemüht sich darum, alle Fortschritte und internationalen sprachlichen Erkenntnisse in die Lehre zu integrieren. In dieser Universität gibt es rund 18.000 Studierenden, und zwar mit den Fächern Deutsch, Italienisch, Englisch, Französisch, Spanisch, Persisch, Koreanisch, Psycholinguistik, Dolmetschen, Geschichte, Politik, Tourismus, Landeskunde usw.) Sie hat 17 Lehrstühle.
Meine Universität hat sehr viele Vorteile. Hier lernen die Studenten viel besser, auch sprachlich sind sie besser als an anderen Einrichtungen. Das liegt auch daran, dass uns auch deutsche Studenten und Praktikanten unterrichten, dadurch wird im Unterricht kaum Armenisch, sondern vor allem Deutsch gesprochen.
Die Universität arbeitet mit dem DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst) zusammen. Der DAAD bietet uns die Möglichkeiten, Deutschland kennen zu lernen und dort zu studieren. Jedes Jahr bewerben sich Studenten aus der Linguistischen und der Staatlichen Universität, um in Deutschland zu studieren. Außerdem gibt es auch andere Projekte, die den Studenten die Möglichkeiten geben in Deutschland zu arbeiten oder die Sommerferien zu verbringen, zum Beispiel Journalismus-Seminare. Alle aktuellen Informationen und Angebote hängen an der Wand des deutschen Lehrstuhls aus.
Meine erste Deutschlehrerin war Bianca. Sie ist die erste deutsche Sprachassistentin in Armenien. Sie führte die Stunden sehr interessant durch. Sie hat einen anderen Stil als gewohnt. Sie ließ die Studentinnen und Studenten mehr ausreden, forderte eine eigene Meinung zu äußern. Da hört sich bestimmt merkwürdig an, aber hier in Armenien verzichten viele StundentInnen darauf, eine eigene Meinung und Gedanken zu äußern, mit nicht in einen Konflikt mit den Lehrern zu geraten.
Bianca unterrichtete uns oft praktisch. Wir machten meistens Theaterstücke und Gruppenarbeit, was für die Kommunikation ganz wichtig ist. Einmal teilten wir uns in Contra- und Pro-Gruppen und diskutieren über weibliche und männliche Berufe. Oder wir schreiben eine Bewerbung für eine Arbeitsstelle und danach führen mit ihr und miteinander Bewerbungsgespräch durch. Das war sehr schön. Das hat vor allem gute Ergebnisse gegeben für diejenige Studenten, die sonst immer schweigen und Angst haben, deutsch zu sprechen. Es ist sehr schön, wenn alle Studenten mitmachen und Spaß haben.
Im November 2007 hat uns Bianca eine schöne Aufgabe zum Thema "Berufsporträt" gegeben. Wir sollten deutsche Firmen in Armenien besuchen und mit den deutschen Angestellten Interviews machen. Das war für die Studenten eine Überraschung, weil die meisten noch nie zu Deutschen einen engeren Kontakt hatten und ganz unerfahren als Germanisten oder auch Journalisten waren. Wie immer haben wir uns in Zweier-Gruppen aufgeteilt und ein paar Wochen darauf vorbereitet, damit wir ein gutes Interview durchführen könnten.
Ohne groß nachzudenken habe ich mich sofort für die deutsche Botschaft entschieden. Ich war unglaublich froh, dass ich die deutsche Botschafterin in Armenien interviewen sollte, aber es war noch nicht sicher, weil wir noch einen Termin ausmachen mussten und auch nicht wussten, ob sie überhaupt für uns Zeit hätte. Aber es gibt nicht so viele deutsche Firmen hier, und drei Zweier-Gruppen mussten einfach andere Deutsche hier in Armenien interviewen. Ich überlegte mir, falls die Botschafterin absagt, entscheide ich mich für DAAD oder GTZ (Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit in Armenien). Aber Gott sei Dank, die Botschafterin war nett zu uns und hat sich für uns Zeit genommen. Meine Kommilitonin Anahit und ich bekamen die Handynummer von Frau Botschafterin Wiktorin und mussten selbst anrufen und einen Termin ausmachen. Ich hatte ein bisschen Angst, einfach anzurufen, aber ich musste. Alles hat gut geklappt, obwohl ich sehr nervös war, und so bekamen wir wir auch die anderen Paare ihre Gesprächspartner.
Ich habe an jedem Interview teilgenommen. Ich habe alle Interviews miteinander verglichen. Es gab ein paar Meinungen zu Armenier und der armenischen Kultur, die bei allen gleich war. Zum Beispiel fanden alle den Straßenverkehr in Armenien katastrophal. Alle fanden, dass Armenier sehr gastfreundlich sind. Alle fanden die armenische Sprache schön, aber schwer oder unmöglich zu lernen, und alle waren begeistert von den uralten und wunderschönen armenischen Kirchen.
Unsere Gesprächspartner waren

Dann fuhren wir zur Botschaft. Ich durfte kein Handy und keine Kamera mit hoch nehmen. Wir hatten auch einen Kuchen gekauft, und der Wachmann fragte: "Ist das eine Bestechung für die Botschafterin?" Also, man glaubt nicht, das es vielleicht auch Menschen gibt, die aus Höflichkeit jemandem etwas Süßes kaufen, schrecklich. Ich war schon zum zweiten Mal da, und es hatte sich dort nichts geändert: alles sehr sauber, akkurat, ordentlich, wie ein kleines Deutschland. Alle waren nett zu uns.
Dann trafen wir die Botschafterin Andrea Wiktorin. Sie hatte in Bonn Geschichte und Germanistik für das Lehramt studiert, danach Französisch unterrichtet. Als Botschafterin war das ihr erster "richtiger" Job bisher. Sie war sehr zufrieden mit ihrer Arbeit. Das macht ihr wirklich Spaß. Sie ist wirklich eine sehr starke Frau. Wir haben ungefähr zwei Stunden mit ihr gesprochen über verschiedene Themen aus Deutschland und Armenien. Ich habe auch zusätzliche Fragen gestellt, was mich persönlich (über mein Visum nach Deutschland) interessierte. Und sie hat immer gern geantwortet. Das Gespräch war ganz locker und angenehm.
Wir haben uns hinterher mit Bianca überlegt, sie für einen Tag an unsere Universität einzuladen.
Seit Februar 2008 unterrichtet uns Bianca nicht mehr. Aber weil wir den Kontakt mit ihr behalten wollten und den Unterrichtet mit ihr fortsetzen wollten, haben wir, ein paar Studentinnen und Studenten vom ersten und zweiten Studienjahr, uns zusammen getan und ein Forum gegründet, das wir "Debatten-Forum" genannt haben. Wir treffen uns alle zwei Wochen, überlegen uns ein Thema, bereiten uns darauf gut vor und laden dazu selbst einen deutschen Gast zu uns an die Universität ein. Dann führen wir ein Gespräch, eine Diskussion oder auch einen Kaffeeklatsch durch.
Ein Thema war "Interkulturelle Kommunikation". Bianca schlug uns vor, dazu die Botschafterin einzuladen. Ich glaubte nicht, dass sie zu uns kommt, denn erstens ist sie eine Botschafterin und hat einen hohen Rang, deswegen kommt sie nicht zu uns an die Uni. Zweitens hatten wir hier Präsidentschaftswahlen, danach große Demonstrationen gegen einen vermuteten Wahlbetrug, und am 1. März waren viele Demonstranten erschossen worden. Ich dachte, jetzt hat sie bestimmt keine Zeit zu kommen, weil sie über die Situation in Armenien immer Berichte schreiben soll, und da gibt es im Moment sicherlich genug zu tun.
Aber glücklicherweise hat sie uns am 31. März um 15.00 Uhr in der Uni besucht. Ich finde das sehr nett von einer Botschafterin. Das war eine Ehre für uns.
Nura und ich waren die Moderatorinnen. Wir haben sie mit Bianca zusammen herzlich empfangen und sind dann nach oben, in den Debattierraum gegangen.
Dort haben wir sie auf eine besondere Art und Weiße begrüßt: zwei haben sie wie Chinesen begrüßt, zwei wie Indianer und die anderen mit einem Händeschütteln, wie man in Deutschland macht. Vor lauter Aufregung haben wir aber vergessen, uns gegenseitig vorzustellen, obwohl wir vorher geübt hatten, wie man mit einer Diplomatin umgeht - peinlich.
Dann haben wir mit ihr über Interkulturelle Kommunikation diskutiert, und es war sehr interessant sich mit ihr zu unterhalten und von ihren Erfahrungen als Botschafterin zu profitieren. Wir haben über die verschiedene Kommunikationsgewohnheiten in den verschiedenen Ländern gesprochen. Trotz der Sprachschwierigkeiten haben die Studenten versucht, der Botschafterin möglichst intelligente und interessante Fragen zu stellen.
Was ihr aufgefallen war, war die "armenische Gastfreundschaft". Denn die Deutschen sind im Vergleich zu Armenier gar nicht gastfreundlich. Zum Beispiel bekommt man in Armeniern immer etwas mehr auf dem Teller als man will, und die Botschafterin erzählte, sie habe aus Höflichkeit immer so viel gegessen wie möglich war. Sie hat uns von einem Erlebnis in Minsk, Belorus, erzählt: Dort war sich auf einer Konferenz, das Thema habe ich vergessen, aber im Vergleich zu Armenien bekommt man nicht viel Essen, sondern viel Schnaps und Wodka angeboten, und zwar in einem großen Saftglas.
Ich erzählte ein Beispiel aus Deutschland, das ich selbst erlebt hatte und das ich anfangs als ungastfreudlich empfand. Ich ging zu meinem Freund nach Hause, er hat mich gefragt, ob ich etwas trinken wollte, ich habe es aus Höfflichkeit abgelehnt. Ich dachte natürlich, dass er, wie ich es aus Armenien gewohnt war, mich nochmals fragen würde, was er nicht tat.
Wir haben uns auch über die Partnerschaft in Armenien und Deutschland unterhalten. Warum verzichten so viele Deutsche auf das Heiraten? Im Vergleich zu Armenier heiraten Deutsche viel später und sind treuer als die Armenier. Sie hat uns erklärt, dass es nicht mit Geld zu tun hat, in Bezug darauf ist es in Armenien viel problematisch wenn man heiraten will. Hier ist man von den Eltern noch lange abhängig, auch wenn man verheiratet ist. Das Problem ist, dass die Deutschen länger studieren, was oftmals zu einer späten Heirat führt, und sie wollen erst beruflich selbständig sein und erst dann eine Familie gründen.
Die Armenier heiraten oft schon direkt nach der Schulzeit und leben dann auch als Paar im Elternhaus. Es gibt sehr viele Studentinnen, die während der Studienzeit heiraten. Und während sie noch studieren, bekommen sie schon ein Kind, denn haben sie Angst, dass sie als alte Jungfrau zu Hause sitzen bleiben (oder enden).
Frau Wiktorin hat uns Ratschläge gegeben: Man soll immer fragen was man (sprachlich) nicht versteht, um Probleme zu vermeiden. Man soll sich mit der anderen Kultur bekannt machen, bevor man dorthin geht. Ihre Erklärungen waren sehr deutlich und verständlich.
Am Ende unseres Treffens haben wie ihr Geschenke überreicht, wonach wir sehr lange gesucht haben: ein altes armenischer Manuskript mit einem Gebet und ein typisch armenischer Behälter für Weinflaschen, mit einem Muster aus Trauben und Granatäpfeln. Die haben ihr sehr gefallen.
Wir haben uns fotografiert und lieb verabschiedet. Wir warten gespannt auf das nächste Treffen Ende Mai. Unser nächster Gast wird Hans Frühauf sein, und zwar zum Thema wird "Politik und Wirtschaft".
Sona Shirvanyan