(Gegenwind 246, März 2009)

"Alltag in Armenien" hießen ein paar Artikel, die Sona Shirvanyan seit 2005 im Gegenwind veröffentlicht hatte. Damals war sie nach der Ablehnung des Asylantrags von ihr, ihren Eltern und ihrem Bruder abgeschoben worden. Nun ist sie wieder hier, und deshalb beginnt für sie jetzt der Alltag in Flensburg.
Gegenwind:
Wie hast du jetzt das Visum beantragt und bekommen?
Sona Shirvanyan:
Ich habe bei der deutschen Botschaft in Armenien ein Visum beantragt, um in Deutschland zu studieren. Das war jetzt Anfang Dezember. Ich habe dann einen Termin am 8. Dezember bekommen, es sollte die übliche Befragung stattfinden. Ich wurde nach meinem vorigen Aufenthalt gefragt, also den Asylantrag, wo ich gewohnt habe, nach meiner Familie. Das waren ungefähr 20 Minuten. Die wichtigsten Fragen waren danach, warum ich jetzt nach Deutschland will. Ich habe über meine Studienpläne erzählt, ich will ja studieren, und hier wohnt mein Freund. Ich hatte eigentlich befürchtet, wenn ich von meinem Freund erzähle, dass sie dann das Visum ablehnen. Sie waren sehr unhöflich, das habe ich auch bei den anderen mitbekommen, die gleichzeitig dort waren. Sie waren so unhöflich, dass ich gedacht habe, die lehnen das Visum bestimmt ab.
Gegenwind:
Kommt man zum Termin dann sofort dran?
Sona Shirvanyan:
Nein, es gibt eine Warteschlange. Ich musste 40 Minuten warten. Und wenn man fünf oder zehn Minuten nach dem Termin kommt, wird man überhaupt nicht vorgelassen. Das ist alles sehr unfreundlich und unhöflich. Es waren ungefähr 50 Leute da, einige warteten auf die Entscheidung für ihren Visumantrag, andere warteten auf ihre Befragung. Die meisten Anträge wurden abgelehnt, von ungefähr dreißig Leuten, die warteten, haben nur vier Leute ein Visum bekommen. Davon hatte einer ein Visum für Belgien beantragt. Belgien oder Österreich haben in Eriwan keine Botschaft, ein Visum für die Länder muss man auch in der deutschen Botschaft beantragen. Und als ich rechts und links von mir die vielen Ablehnung hörte, hatte ich natürlich auch Angst, dass mein Antrag auch abgelehnt wird.
Gegenwind:
Was hast du denn gehört, wie es mit dem Visum weiter ging?
Sona Shirvanyan:
Ich habe ja beim Gegenwind angerufen, aber hauptsächlich hat sich mein Freund darum gekümmert und die Familie von meinem Freund. Sie haben mir bei den Unterlagen für die Uni geholfen, man braucht ja eine vorläufige Zulassung. Und die Familie von meinem Freund hat eine Garantie für mich unterschrieben und bei der Ausländerbehörde in Flensburg gesagt, dass ich bei der Mutter wohnen kann.
Gegenwind:
Und wie war das Ergebnis?
Sona Shirvanyan:
Sie haben mir dann einen Monat später, am 6. Januar gesagt, dass die Ausländerbehörde zugestimmt hat. Die Ausländerbehörde hat an diesem Tag den Antrag bekommen, zugestimmt und die Zustimmung am gleichen Tag zur Botschaft in Armenien geschickt. Am 8. Januar habe ich dort angerufen, die haben aber nicht gesagt, ob sie jetzt das Visum geben. Sie haben mir gesagt, dass ich kommen muss, und dann würde ich es erfahren. Sie waren wieder ganz streng und sehr unhöflich. Ich bin hingegangen, musste meinen Pass abgeben und sagen, wann ich fliegen will. Ich habe gesagt, zwischen dem 17. und 22. Januar, und drei Tage später konnte ich meinen Pass mit dem Visum abholen.
Gegenwind:
Hattest du die Unhöflichkeit erwartet?
Sona Shirvanyan:
Ja. Es waren ja die armenischen Angestellten dort. Aber es stand schon ein Schild an der Tür, dass niemand Geld bezahlen soll, über das Visum entscheidet eine Gruppe von deutschen Angestellten. Wir hatten nur mit den Armenierinnen zu tun, sie sprachen aber alle deutsch, aber mit einem Akzent. Sie hat mit mir kurz deutsch gesprochen, weil sie ja auch prüfen müsste, ob ich deutsch könnte. Sie hat mir auch gesagt, ich könnte nicht zum Deutschlernen nach Deutschland, ich habe ja ein Visum erst für den Sprachkurs beantragt, und sie meinte, dass ich schon Deutsch kann. Aber ich wusste ja, dass sie das nicht entscheidet.
Gegenwind:
Und wie war dann der Flug nach Deutschland?
Sona Shirvanyan:
Ganz locker. Das war cool. Ich bin mit der Lufthansa geflogen, in drei Stunden war ich schon in München, und dann bin ich weiter geflogen nach Hamburg, und da war mein Freund mit seinem Bruder und seiner Mutter.
Gegenwind:
Und wie war es dann hier?
Sona Shirvanyan:
Ich bin viel gereist. Ich war schon in Frankreich bei meinen Eltern, bei Bekannten in Luxemburg und Belgien, mit meinem Freund in Dänemark, und hier in Schleswig-Holstein habe ich viele schon getroffen. Ich war auch schon in der ZBBS und hier beim Gegenwind. und mein ehemaliger Deutschkurs von 2004 trifft sich jetzt Sonntag in Flensburg, aber einige von denen habe ich schon getroffen. Ins Flüchtlingsheim wollte ich auch schon, aber es ist inzwischen geschlossen. Kurz nach meiner Abschiebung ist das geschlossen worden. Aber die armenischen Familien, die ich damals kannte, habe ich auch schon alle besucht. Und meine Deutschlehrerin von damals in Kiel habe ich auch schon getroffen. Und auf der Straße bin ich auch schon angesprochen worden von einer, die mein Foto im Gegenwind gesehen hatte.
Gegenwind:
Waren die drei Jahre in Armenien schlecht?
Sona Shirvanyan:
Teilweise schlecht, teilweise gut. Gut war, dass ich Abitur gemacht habe und mit dem Studium angefangen habe, das hätte ich in Deutschland nicht geschafft. Es war schlecht, dass ich alleine war, ohne meinen Freund. Und schlecht war, dass ich immer so viel Geduld haben sollte, ich habe überhaupt keine Geduld, das war schwer drei Jahre lang. Aber gut war, dass meine Schwester da war, das hat mit sehr geholfen.
Gegenwind:
Und was machst Du als nächstes?
Sona Shirvanyan:
Bis Ende April mach ich den Deutschkurs in Flensburg, dann muss ich die C1 und die C2 -Prüfung bestehen, und dann kann ich ab April oder Mai in Kiel zum Studienkolleg. Und dann will ich Diplom Pädagogik studieren, in Kiel oder Flensburg. Lieber in Flensburg, da wohne ich näher bei meinem Freund, er studiert jetzt in Kopenhagen. Und später werde ich vielleicht Beraterin, ich möchte gerne mit Menschen arbeiten, vielleicht anderen Ausländern helfen, weil ich schon genau weiß, wie es für einen Ausländer wichtig ist. Es ist so schön legal in Deutschland zu wohnen, dass ich nicht jeden Tag auf einen schrecklichen Brief warte, oder immer zur Behörde gehen soll, um für eine oder zwei Wochen eine Duldung zu bekommen, die dann manchmal einfach auf den Tisch geschmissen wurde.
Interview: Reinhard Pohl