(Gegenwind 247, April 2009)

Manijeh Zuleger kommt aus dem Iran. Sie übersetzt und dolmetscht Persisch - Farsi oder Westpersisch für IranerInnen genauso wie Dari oder Ostpersisch für AfghanInnen. Sie lebt in Neumünster.
Gegenwind:
Wie hast du im Iran gelebt?
Manijeh Zuleger:
Im Iran habe ich die ersten zwanzig Jahre meines Lebens gelebt. Ich habe dort sehr behütet gelebt, mit meinen Eltern und in meiner Familie. Ich habe mein Abitur dort gemacht, auch Englisch gelernt, und bin zwei Jahre nach meinem Abitur nach Deutschland geflüchtet.
Gegenwind:
Warum bist du geflohen?
Manijeh Zuleger:
Wir hatten alles im Iran. Wir hatten Land, wir hatten genug zu essen, genug Geld, daran lag es nicht. Was mir fehlte war die Freiheit. Ich musste immer genau erklären, wo ich hingehen, was ich anziehe, warum ich was anziehe, und auf Schritt und Tritt wurde ich verfolgt und beobachtet.
Zum Beispiel erinnere ich mich an einen Tag, wo ich für meine Verhältnisse ganz normal angezogen war. Ich hatte einen langen Mantel an, ein schwarzes Kopftuch, ungeschminkt. Da guckten noch nicht mal Haare raus, wie es heute ist. Nur mein Mantel war modern genäht. Meine Mutter hatte so einen tollen Schnitt, der Mantel war weit, "Fledermaus" hieß die Mode damals. Ich ging ganz normale zur Bushaltestelle, und da hielt ein Auto. Dort drin saßen schon zwei Mädchen, die sie festgenommen hatten. Ein Pasdaran ist ausgestiegen, eine Kalschnikow in der Hand. Er hat mich "Hure" genannt und mich gezwungen, ins Auto zu steigen. Ich habe gesagt: Wieso, ich habe doch gar nichts gemacht. Nein, was ist das für ein Schnitt, du siehst aufdringlich aus, rein ins Auto. Die anderen beiden im Auto haben geweint, wollten auch nach Hause, das waren Mutter und Tochter. Die Tochter kannte ich aus der Schule. Die Mutter hat geweint und gefleht, lasst uns nach Hause, meine Tochter muss ihr Baby stillen. Das stimmte nicht, sie hat es versucht. Drei, vier Straßen weiter haben sie angehalten und sie rausgeschickt, aber sie sollten nach Hause und die Schminke entfernen. Zu mir sagte der eine dann, wenn wir die rauslassen, müssen wir dich auch rauslassen. Aber du gehst nach Hause und ziehst dich um. So kommst du nicht wieder auf die Straße. Ich dachte nicht daran mich umzuziehen und bin dann so weiter zur nächsten Bushaltestelle gegangen. Aber das war die Situation, man wusste nicht, was als nächstes passiert. Kommt man wieder raus? Außerdem haben die Pasdaran sich immer hübsche Mädchen geholt, auch von Parties, weil sie gefeiert oder angeblich Alkohol getrunken hatten. Das wurde bestraft mit Peitschenhieben, aber sie konnten auch begnadigt werden, wenn sie einen der Pasdaran heirateten. Im Iran gibt es ja die islamischen Kurzehen, die man zwischen einer Stunde und neunundneunzig Jahren abschließt. Die Pasdaran können also viele Frauen haben und trotzdem später eine Jungfrau heiraten. Man wusste also nie, ob man mitgenommen wurde und verheiratet aus dem Gefängnis kam. So konnte man enden.
Gegenwind:
Wie ging es dann hier in Deutschland weiter, als du Asyl beantragt hast?
Manijeh Zuleger:
Eigentlich ganz positiv. Meine ganze Familie war politisch aktiv, und meine beiden Brüder hatten schon Asyl bekommen, einer war sogar über die UNO nach Schweden gebracht worden. Meine Schwester lebte damals schon in Deutschland, ihr Asylverfahren lief noch. Es war nicht schwer, aber ich musste zwei Jahre warten. Das Bundesamt lehnte ab, aber zwei Jahre später habe ich vom Gericht Asyl bekommen.
Gegenwind:
Wie bist Du sonst zurecht gekommen?
Manijeh Zuleger:
Ich habe ganz schnell Deutsch gelernt. Ich kam 1988 nach Deutschland, und nach einigen Monaten konnte ich Deutsch. 1989 habe ich meine Fachhochschulreife gemacht, weil mein Abitur hier nicht anerkannt wurde. 1990 habe ich dann angefangen, Elektrotechnik zu studieren. Das dauerte bis 1995, und ich habe dann gleich Arbeit gefunden.
Als ich drei Monate hier war, lernte ich meinen heutigen Mann kennen. Das war am Bahnhof, er fuhr nach Kiel zur Fachhochschule, ich fuhr mit dem Zug um Deutsch zu lernen. Wir haben uns kennen gelernt, sind 1991 zusammengezogen, und 1992 haben wir geheiratet. 1994, während des Studiums, kam das erste Kind, ich habe mein Studium trotzdem mit der Diplomarbeit zu Ende gebracht. Und dann kam das zweite Kind.
Gegenwind:
Wann hast du denn das erste Mal gedolmetscht? Worum ging es?
Manijeh Zuleger:
Zunächst bin ich im Januar 2008 ermächtigt worden, Urkunden zu übersetzen. Ich war darauf gekommen, weil ich im MiMi-Projekt mitgemacht hatte, also hier in Neumünster Gesundheitslotsin geworden war. Danach habe ich mich überall beworben, vor allem bei Gerichten, und bei einer Veranstaltung hier einem Richter auch meine Bewerbung persönlich gegeben. Ich habe dann auch telefonisch nachgehakt, aber da war die erste Ladung für mich im Juni 2008 schon geschrieben, nur noch nicht losgeschickt. Er hat gefragt, ob ich Zeit habe - natürlich hatte ich Zeit, es war ja der erste Auftrag, aber ich habe trotzdem gesagt, dass ich erst in meinen Kalender gucken muss. Und bei den Verhandlungen an meinem ersten Tag beim Verwaltungsgericht warst Du ja dabei.
Gegenwind:
Wie hast du dich auf die Thematik und die Vokabeln vorbereitet?
Manijeh Zuleger:
Gut war, dass ich vorher schon oft die Dolmetscher-Treffen besucht habe. Ich hatte vorher ja keine Ahnung, ob man studiert haben muss. Ich bin am Anfang zu möglichst vielen Treffen in ganz Schleswig-Holstein gefahren, da ging es ja oft um Polizei und Gericht, es gab Rollenspiele. Außerdem habe ich dich angerufen, soweit es um das Asylrecht ging, und die Fragen zum Iran und zur Verfolgung habe ich im Internet gesucht. Dort habe ich Urteile aus anderen Verfahren gefunden, und habe mir alle Wörter rausgeschrieben, die ich nicht kannte, und mir ein eigenes Verzeichnis geschrieben. Ich habe zwar Wörterbücher, aber habe mir mein eigenes Verzeichnis gemacht. Das habe ich nie benutzt, habe es aber immer mitgenommen. Bei der ersten Gerichtsverhandlung hat der Richter mir als erstes gesagt: Sie haben ja ein Wörterbuch dabei, das ist ja gut. Ich habe gesagt, dass ich nicht behaupten kann, dass ich alles weiß, und er sagte, er findet es sympathisch, wenn ihm Dolmetscher sagen, dass sie nicht alles wissen. So habe ich mein Vokabular immer erweitert.
Es gibt immer Situationen, wo man etwas nicht dolmetschen kann, weil es das bei uns nicht gibt. Ich hatte mal das Wort "Küsterdienst", das gibt es im Persischen nicht. Der Richter hat es gemerkt und gesagt, er sollte einfach beschreiben, was er in der Kirche gemacht hat, auch wenn er das Wort nicht kennt.
Gegenwind:
Hast du dich schon bei Firmen beworben?
Manijeh Zuleger:
Nein, das habe ich noch nicht versucht. Bei der Verwaltung habe ich mich schon beworben, und privat habe ich viel übersetzt, aber mit Firmen habe ich es noch nicht versucht. Den Idiotentest habe ich schon gedolmetscht.
Gegenwind:
Hast du Hoffnung, davon irgendwann leben zu können?
Manijeh Zuleger:
Ich weiß, dass man davon nicht leben kann. Dazu ist es zu unregelmäßig. Man muss eine regelmäßige Einnahmequelle haben, auf die man zählen kann. Aber toll ist, dass es eine ganz neue Erfahrung, eine andere Erfahrung ist. Man lernt andere Menschen kennen, nimmt natürlich auch Schicksale mit, gerade von Menschen vor Gericht stehen. Ich wünsche mir natürlich, davon leben zu können, aber dazu müsste ich jeden Tag dolmetschen können.
Gegenwind:
Du hältst ja auch Referate über den Iran. Worum geht es dabei?
Manijeh Zuleger:
Ich habe mit einer Veranstaltungsreihe für die Diakonie angefangen. Es ging um die Darstellung, warum Menschen fliehen, und da habe ich die Vorstellung des Iran übernommen. Da habe ich eben die politische Situation dargestellt und erzählt, warum Menschen aus dem Iran fliehen. Und dann wurde ich von der Volkshochschule gefragt, um einen Sonntag Nachmittag über den Iran und Persien zu gestalten. Der Iran ist hier nicht so bekannt, viele verwechseln immer noch Iran und Irak. Ich habe früher auch schon blöde Fragen bekommen, zum Beispiel, ob wir im Iran auch Verkehrsampeln kennen. Ich habe Bilder gezeigt und berichtet, es waren 25 Leute da, und sie waren begeistert. Da kamen auch gute Fragen. Das will ich jetzt weiter anbieten.