(Gegenwind 450, März 2026)

Harriet Abiria

Die Familie war für mich ein Lottogewinn

Interview mit Harriet Abiria aus Kiel

Jedes Jahr zeichnet das Projekt „Kluge Köpfe” junge Afrikanerinnen und Afrikaner für ihr Engagement und ihre Bildungsabschlüsse aus. Im September 2024 erhielt Harriet Abiria aus Uganda die Auszeichnung.

Gegenwind:

Kannst Du Dich als erstes vorstellen?

Harriet Abiria:

Ich heiße Harriet Abiria und komme ursprünglich aus Uganda. 2015 bin ich nach Deutschland gekommen, ich bin jetzt also zehn Jahre in Deutschland.

Gegenwind:

Was hast Du in Uganda gemacht? Was hast Du dort gelernt?

Harriet Abiria:

Ich habe schon in Uganda studiert und zwar Landökonomik, dabei geht es vor allem um die Bewertung von Immobilien. Anschließend war ich für eine Bank tätig. Ich habe Immobilien bewertet für Menschen, die einen Kredit von der Bank wollten. Nach meinem Studium war ich drei Jahre dort berufstätig. Aber ich wollte mich dann weiterbilden. Leider sind die Möglichkeiten für einen junge Frau, damals war ich etwa 24, 25 Jahre alt, nicht so gut. Ich habe mich für ein Stipendium für ein Masterstudium beworben. Aber bei der Befragung haben die Leute zu mir gesagt: Du bist 24 Jahre alt, das Masterstudium dauert zwei Jahre. Wenn du nach dem Studium zurückkommst, bist Du schon 26. Du wirst dann bestimmt heiraten. Ein Stipendium lohnt sich bei Dir nicht. Aufgrund solcher Begründungen haben die Männer die Stipendien bekommen, die Frauen hingegen nicht. Ich habe mir gesagt: Wenn ich das, was ich will, hier nicht bekomme, muss ich meinen eigenen Weg finden, meinen Master zu machen. Deshalb habe ich im Internet recherchiert, ich wollte unbedingt nach Europa oder in ein westliches Land. Die Arbeit als AuPair hat mir dann solche eine Möglichkeit gegeben. Ich habe mich beworben, mir eine Familie gesucht, und in Deutschland hat es schließlich geklappt. So bin ich dann als AuPair nach Deutschland gekommen.

Gegenwind:

Wo bist Du als erstes hingekommen?

Harriet Abiria:

Ich bin nach Münsterdorf gekommen, das ist in der Nähe von Itzehoe, drei Kilometer von Itzehoe entfernt. Das war für mich ein Schock. Ich komme aus Uganda, ich habe zuletzt in Kampala, der Hauptstadt, gewohnt. Dort habe ich gelebt und gearbeitet. Das ist eine sehr große Stadt. Und dann kommst Du nach Deutschland und landest in Münsterdorf. Münsterdorf hat eintausend Einwohner, es ist sehr klein, es ist alles grün. Und ich dachte, meine Güte, wo bin ich hier gelandet. Dort habe ich ein Jahr als AuPair gearbeitet, aber es klappte letztlich nicht für das ganze Jahr. Es gab ein paar Probleme in der Familie, so dass sie den AuPair-Vertrag vorzeitig beendet haben. In dieser Situation stand ich vor dem Nichts. Ich habe aber dann durch einen wirklich großen Zufall eine andere Familie kennengelernt. Das war mein Lottogewinn, diese Familie. Ich habe schließlich ein Jahr bei dieser Familie gewohnt und in der Zeit einen Freiwilligendienst in einem Kindergarten gemacht.

Gegenwind:

Was hast Du danach gemacht?

Harriet Abiria:

Nach einem Jahr Freiwilligendienst hat mich die Familie, die so nett war, gefragt: Willst Du zurück nach Uganda? Oder willst Du hierbleiben? Ich habe gesagt, ich würde gerne hierbleiben. Ich wollte noch mein Deutsch verbessern und mir hier etwas aufbauen. Mein Studium wurde nicht anerkannt, ich hätte von vorne beginnen müssen. Die Familie hat dann gesagt, wir gucken mal gemeinsam, welche Ausbildung Du machen kannst und was zu Dir passt. Ich habe in Uganda bei der Bewertung von Immobilien viel mit Vermessungstechnikern gearbeitet, und ich habe gesagt, ich kenne mich mit Vermessungstechnik aus. Zudem hatte ich das auch als Fach in meinem Studium. Ich wollte also gerne die Ausbildung als Vermessungstechnikerin machen. Dann habe ich mich beworben, in Hamburg und Schleswig, und nach einigen Absagen hat es in Kiel beim „Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt” geklappt. Mein Ausbilder dort, ich war seine letzte Auszubildende vor seinem Ruhestand, war super unterstützend. Eine schwarze Frau in diesem Männerberuf, wahrscheinlich seine außergewöhnlichste, aber durch meine geringen Deutschkenntnisse sicher auch herausforderndste Auszubildende. Ich habe ihm sehr viel zu danken, er war großartig. Dort habe ich also 2017 die Ausbildung begonnen und 2020 erfolgreich abgeschlossen, und jetzt arbeite ich als Vermessungstechnikerin beim „Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt”.

Gegenwind:

Eine Vermessungstechnikerin wird immer gesucht, nicht?

Harriet Abiria:

Das stimmt, es wird immer gesucht. Es ist sehr viel Mathematik inbegriffen. Für mich war auch wichtig, meine Deutschkenntnisse waren noch nicht so gut, und für die Tätigkeit einer Verwaltungsangestellten hätte mein Deutsch nicht gereicht. Aber Mathematik besteht überall in der Welt aus Zahlen, und das wollte ich und das konnte ich. Deshalb habe ich das gemacht.

Gegenwind:

Was wusstest Du denn über Deutschland, als Du noch in Uganda lebtest?

Harriet Abiria:

Tatsächlich nicht so viel. Von Hitler weiß man natürlich, Und ich kann mich gut daran erinnern: Als ich meinem Vater sagte, ich fliege nach Deutschland, war sein erster Gedanke: Bist Du sicher, nach Deutschland? Alle Leute dort sind rassistisch. Das war der erste Gedanke meines Vaters. Ich habe ihm gesagt, ich habe im Internet gesucht, es ist ein vielfältiges Land, und da leben auch sehr viele Leute mit Migrationshintergrund. Ich war mir sicher, ich würde mich dort wohlfühlen. Und ich sagte meinem Vater, lass mich das mal selbst ausprobieren. Und wenn es nicht klappt, komme ich wieder zurück.

Gegenwind:

Gab es irgendetwas, was Dich positiv überrascht hat, womit Du nicht gerechnet hast?

Harriet Abiria:

Wie offen die Leute dafür waren, mir zu helfen. Als meine AuPair-Familie den Arbeitsvertrag gekündigt hat, haben sie mir einen Monat Zeit gegeben, eine neue Familie zu finden. Sonst wollten sie mich zurück nach Uganda schicken. Ich kannte ein paar Nachbarn dieser Familie, und einen der Nachbarn habe ich im Supermarkt getroffen und ihnen erzählt, dass ich weiterhin AuPair machen möchte, aber die Familie nun meinen Vertrag gekündigt hat. Das war im Juni, und mein Vertrag sollte eigentlich bis zum September gehen. Ich hatte mich schon um einen Platz im Bundesfreiwilligendienst gekümmert, ich hatte dort auch schon einen Vertrag. Ich habe mit diesen Nachbarn gesprochen, und sie haben gesagt, sie können mir helfen. Sie selbst hatten aber ein sehr kleines Haus, dort konnte ich nicht mit ihnen wohnen, aber wir können Dich unterstützen, haben sie gesagt. Das ältere Ehepaar hat mich nach Itzehoe zur Beratungsstelle der Caritas gebracht und den Leuten von der Caritas alles erklärt. Mich hat sehr beeindruckt, wie sehr sie mir geholfen haben. Bis heute bin ich Ihnen dankbar und habe einen guten Kontakt zu ihnen.

Und bei der Caritas im Foyer habe ich dann einen älteren Mann kennen gelernt, der hat dort ehrenamtlich Unterricht für Flüchtlinge geben. Er hat mich angeguckt und gesagt: Du bist ja so dunkel, wo genau kommst Du her? Ich sagte, ich komme aus Uganda. Zufälligerweise hatte seine Tochter 2007 einen Freiwilligendienst in Uganda gemacht. Und er hatte seine Tochter damals in Uganda besucht und fragte daher, woher ich denn genau komme. Und ich sagte aus dem Norden von Uganda, und seine Tochter hatte ihren Dienst ausgerechnet dort, genauer in Arua, gemacht. Und dort bin ich in die Schule gegangen, in die Oberstufe, nur 50 Kilometer von meinem Heimatstadt Koboko entfernt. Er hat gelacht und gesagt, die Leute dort seien so arm, er hätte niemals damit gerechnet, eine Frau aus der Gegend hier in Itzehoe zu treffen. Er hat mich alles gefragt, und das Ehepaar hat ihm alles erklärt. Er konnte nämlich nicht gut Englisch, ich konnte nicht so gut Deutsch, aber ihm wurde dann alles erklärt. Und als er hörte, dass ich eine Unterkunft suche, sagte er, ich habe ein großes Haus, die vier Kinder sind längst ausgezogen. Ich rede mit meiner Frau, wenn sie einverstanden ist, kannst Du bei uns wohnen. Es gibt eine Einliegerwohnung mit Bad und Küche, da kannst Du vielleicht wohnen. Abends rief er mich an, seine Frau wollte mich gerne kennen lernen. Am nächsten Tag bin ich hingegangen und habe mit seiner Frau gesprochen, die konnte sehr gut Englisch. Sie hat gesagt, super, wir können Dich aufnehmen. Das hat mich überrascht. Die Leute kennen mich gar nicht, und sie haben gesagt, Du kannst bei uns für ein Jahr wohnen. Ich hatte nicht gedacht, dass die Leute so hilfsbereit waren, das hat mich richtig überrascht. Ich habe immer noch einen sehr, sehr guten Kontakt zu dieser Familie. Ich nenne sie sogar liebevoll Mama und Papa. Sie haben mit mir dann später den Ausbildungsplatz gesucht. Und als ich die Ausbildung in Kiel gefunden habe, haben wir für mich eine Wohngemeinschaft gesucht, sie haben mir auch die ersten Möbel für die Wohnung bei IKEA gekauft, ein Bett und einen Schrank. Und sie unterstützen mich immer noch, das ist für mich ein Lottogewinn und hat einen großen Vorbildcharakter.

Gegenwind:

Gab es in Deutschland auch was Negatives? Was hat Dir am wenigsten gefallen?

Harriet Abiria:

Mir gefällt nicht, dass die Leute nicht einschätzen können, wie gut Deutschland ist. Ich finde, das Land versucht sehr viel für die Menschen zu machen. Es ist ein Sozialstaat. Den Leuten wird überall geholfen. Ich finde, das wird zu wenig geschätzt. Die Leute sind immer nur am Rumjammern, wie schlecht es ihnen geht. Aber sie wissen nicht, wie viel schlechter es den Menschen in anderen Ländern geht. Sie könnten ein bisschen mehr schätzen, wie gut es ihnen geht. Das nervt mich immer.

Gegenwind:

Wie hast Du das Projekt „Kluge Köpfe” kennen gelernt?

Harriet Abiria:

Ich habe das durch Rashida erfahren (Interview mit Rashida: Gegenwind 436, Seite 4). Ich hatte eine Veranstaltung besucht, und da haben wir uns auf kleine Gruppen verteilt, wo wir uns ausführlicher vorgestellt haben. Ich habe ein bisschen von mir erzählt, und Rashida hat gesagt, so was haben wir noch nie gehört, Du kannst Dich bei den „Klugen Köpfen” bewerben. Sie hat mir den Link geschickt, und ich habe mich beworben.

Gegenwind:

Weshalb hast Du den Preis bekommen?

Harriet Abiria:

Ich denke mal, weil ich mich sehr gut integriert habe. Und weil ich hier erfolgreich eine Ausbildung gemacht habe, in einem sehr männlichen geprägten Beruf. Weil ich auf eigenen Füßen stehe, ich habe nie Hilfsleistungen vom Staat in Anspruch nehmen müssen.

Gegenwind:

Kennst Du die Ministerin, die Deine Urkunde unterschrieben hat?

Harriet Abiria:

Ja, Aminata Touré. Und ich habe sie zufällig neulich auf der Straße getroffen. Mein Mann, ich habe einen Deutschen geheiratet, kennt Aminata noch aus seiner Studienzeit. Und ich habe immer von Aminata geschwärmt, ich wollte sie gerne kennenlernen. Und dann war ich mit meinem Mann und unserem Kind spazieren und wir haben sie getroffen. Mein Mann hat uns einander vorgestellt. So wir haben uns kennengelernt und kurz miteinander gesprochen, ich habe mich sehr darüber gefreut.

Gegenwind:

Ist das anders als in Uganda? Oder trifft man dort auch eine Ministerin auf der Straße?

Harriet Abiria:

Das stimmt, das ist total anders. In Uganda fahren die Minister nur in Autos, sie gehen nicht auf der Straße zu Fuß. Und ohne Bodyguard geht es in Uganda auch nicht.

Gegenwind:

Wie gefällt Dir das Projekt „Kluge Köpfe”? Du trifft dort ja auf der Veranstaltung viele Leute aus vielen verschiedenen Ländern, aber neunzig Prozent sind aus Afrika.

Harriet Abiria:

Ich finde, es ist ein sehr, sehr gutes Projekt. Es motiviert die Leute. Und es ist eine Anerkennung für die Preisträgerinnen und -träger für alles, was sie geleistet haben. Ich finde, wenn man kommt, muss man erst einmal die Sprache lernen, und es ist wirklich keine einfache Sprache. Und die Ausbildung ist schon schwer, aber viele haben hier studiert, auf Deutsch, das kann ich mir nicht vorstellen. Und wenn jemand so etwas leistet, muss das anerkannt werden. Für jemanden aus Deutschland wäre es auch nicht einfach, im Ausland in einer fremden Sprache so etwas zu leisten. Und die „Klugen Köpfe” erkennen das an und geben dieser Anerkennung durch den Preis eine Bühne, das finde ich großartig.

Gegenwind:

Welche Sprachen kannst Du denn?

Harriet Abiria:

Natürlich Englisch, denn Uganda hat Englisch aus der Kolonialzeit begründet als Amtssprache. Meine Muttersprache ist aber Kakwa, das wird nicht von sehr vielen Leuten gesprochen, Das wird nur im nördlichen Uganda, im südlichen Südsudan und im östlichen Kongo gesprochen. Ich kann noch ein bisschen Luganda, das wird meistens in Uganda gesprochen. Ich habe in Kampala mein Abitur gemacht und studiert, da habe ich dann ja auch drei Jahre gearbeitet. Mit Englisch kommt man überall zurecht, aber man muss auch Luganda ein bisschen können.

Gegenwind:

Als Du nach Deutschland kamst: Hattest Du da die Hoffnung, dass Du Dich hier auch mit Englisch verständigen kannst?

Harriet Abiria:

Ja.

Gegenwind:

Und? Können die Deutschen Englisch?

Harriet Abiria:

Nein, nicht gut. Davon war ich sehr enttäuscht. Aber es wird jetzt besser, viele junge Menschen können sich jetzt auf Englisch verständigen. Man lernt hier eben Englisch in der Schule, aber man übt das nicht, man spricht das nicht. Und die Leute trauen sich nicht, Englisch zu sprechen. Ich denke, wenn man sich traut, mehr zu sprechen, wird es besser. Aber ich bin mit Englisch nicht weit gekommen.

Gegenwind:

Hast Du hier schon Leute getroffen, mit denen Du Kakwa sprechen konntest?

Harriet Abiria:

Nein. Aber ich habe in Kopenhagen eine kennengelernt, mit der konnte ich Kakwa sprechen. Aber in Deutschland kenne ich noch niemanden.

Gegenwind:

Suchst Du denn noch andere?

Harriet Abiria:

Ja. Ich suche tatsächlich irgendjemanden in Deutschland, mit dem ich Kakwa sprechen kann. Aber bisher hatte ich keinen Erfolg.

Gegenwind:

Was kann dieses Projekt „Kluge Köpfe” denn erreichen? Sollten auch mehr Deutsche zu den Veranstaltungen eingeladen werden?

Harriet Abiria:

Ja, es wäre gut, wenn mehr Deutsche kämen. Dann könnten Deutsche sehen, was wir leisten. Ich habe das Gefühl, dass zu viele Leute denken, die Menschen aus Afrika kommen hierher und wollen nur Geld vom Staat, wollen sich nicht integrieren, bleiben in ihrem eigenen Kosmos. Aber wenn mehr Deutsche eingeladen sind, können sie sehen, was wir erreicht haben. Viele haben hier studiert, einige haben eine Ausbildung gemacht, alle sprechen die Sprache, die Veranstaltung ist auf Deutsch. Wir leben nicht vom Staat. Das wäre eine gute Botschaft an die Deutschen hier.

Gegenwind:

Du bist ja die erste und einzige Preisträgerin aus Uganda. Versuchst Du, mehr Leute aus Uganda anzuwerben für das Projekt?

Harriet Abiria:

Ich habe hier selbst noch niemanden aus Uganda getroffen. Aber ich würde allen von den „Klugen Köpfen” erzählen.

Gegenwind:

Vielen Dank!

Interview: Reinhard Pohl

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