(Gegenwind 443, August 2025)

Mariam Mohammed

Wenn man die Sprache nicht beherrscht, ist man verloren

Interview mit Mariam Mohammed aus Kiel

Jedes Jahr verleiht die Initiative „Kluge Köpfe” Auszeichnungen und Urkunden an junge Menschen, die selbst oder deren Eltern aus Afrika stammen. Im September 2024 wurde auch Mariam Mohammed ausgezeichnet. Wir haben mit ihr gesprochen.

Gegenwind:

Kannst Du Dich als erstes vorstellen?

Mariam Mohammed:

Ja. Mein Name ist Mariam Mohammed. Ich komme aus Ghana. Ich bin im Februar 1981 geboren. Ich habe drei Geschwister, meine Mutter lebt noch, aber leider ist mein Vater vor einem Jahr verstorben.

Gegenwind:

Wie bist Du in Ghana aufgewachsen?

Mariam Mohammed:

Es war eine große Familie. Wir haben mit mehreren Generationen in einem Haus gewohnt. Ich habe also mit Tanten der mütterlichen und väterlichen Seiten zusammen gelebt, mit Cousinen und Cousins. Es war eine wirklich große Familie.

Gegenwind:

Wie viele waren das?

Mariam Mohammed:

Sehr viele. Aber einige sind gekommen und gegangen, wir wohnten in der Hauptstadt, und es kamen immer Familienmitglieder aus einem Dorf. Sie kommen, gehen zur Schule, und wenn sie Arbeit haben, ziehen sie um. Und einige kommen dann wieder. Es war immer eine große Familie, bis mein Vater sein eigenes Haus gebaut hat. Dann sind wir auch weggezogen.

Gegenwind:

Dann gab es nur noch Besuch?

Mariam Mohammed:

Ja, immer. Ständig gab es Besuch. Man musste sich alles teilen. Von der Aufmerksamkeit der Eltern, von Zimmern, und auch von Gegenständen.

Gegenwind:

Hast Dich inzwischen daran gewöhnt, dass man Bescheid sagt, bevor man jemanden besucht?

Mariam Mohammed:

Ja. Das ist heute sogar in Ghana anders geworden. Bevor man kommt, muss man bescheid sagen - leider.

Gegenwind:

Wie lange bist Du dort zur Schule gegangen?

Mariam Mohammed:

Erst die normale Grundschule. Das sind sechs Jahre. Dann die High School, das ist wie Realschule und Gymnasium hier, das geht bis zum Abitur. Das sind dann zusammen zwölf Jahre. Dann war ich auf einem Polytechnikum, das ist vielleicht sowas Ähnliches wie hier eine Fachoberschule oder Berufsschule, aber man kann es nicht mit dem System in Deutschland vergleichen, es ist auch schwer das hier anerkennen zu lassen. Es ist eben keine Universität, aber es wird bei einem späteren Besuch einer Universität in Ghana angerechnet.

Gegenwind:

Und welches Fach hast Du belegt?

Mariam Mohammed:

Das war Wirtschaft. Aber das war dann die Möglichkeit, Wirtschafts-Sekretärin zu werden - ich weiß nicht genau, wie man das im Deutschen sagen kann, weil es sowas hier nicht gibt.

Gegenwind:

Wann bist Du nach Deutschland gekommen?

Mariam Mohammed:

Das war 2003, Ende des Jahres 2003.

Gegenwind:

Weshalb bist Du nach Deutschland gekommen?

Mariam Mohammed:

Wegen meines Mannes. Ich habe einen Deutschen geheiratet, der aber aus Togo stammt. Es war ein Bekannter meines Onkels, sie haben sich hier getroffen, dann ist er mit meinem Onkel nach Ghana gekommen. Und da haben wir uns kennengelernt und später geheiratet.

Gegenwind:

Lebte er damals schon in Kiel?

Mariam Mohammed:

Ja.

Gegenwind:

Du hattest also gar keine Wahl...

Mariam Mohammed:

Nein, ich konnte mir keine Stadt aussuchen. Ich habe ein Visum beantragt und bin dann nach Kiel gekommen.

Gegenwind:

Was wusstest Du über Deutschland, bevor Du hergekommen bist?

Mariam Mohammed:

Mein Vater hatte auch schon ein paar Jahre als Gastarbeiter hier gelebt. Später ist er wieder nach Hause gekommen. Und er hat mir vieles erzählt. Er hat die Sprache mitgebracht. Ich fand alles interessant. Wir haben auch immer „Deutsche Welle” gehört und geguckt. Ich hatte immer Interesse, fand die Sprache interessant und die Leute interessant. Er hat einen Freund mitgebracht, von dem habe ich auch viel erfahren, leider haben wir den Kontakt verloren. Ich fand die Deutschen sehr freundlich, besonders den Freund meines Vaters. Aber als ich dann hergekommen bin, habe ich den Unterschied bemerkt. Es liegt an den einzelnen Menschen.

Gegenwind:

Was war für Dich die größte Enttäuschung, als Du in Deutschland warst?

Mariam Mohammed:

Wenn man die Sprache nicht beherrscht, ist man verloren. Man fühlt sich nicht willkommen, man ist verloren ohne die Sprache. Und die Menschen sind hier nicht so interessiert, einen Kontakt zu knüpfen, das war sehr schwer. Und es ist bis heute schwer.

Gegenwind:

Wann hast Du denn Deutsch gelernt?

Mariam Mohammed:

Ich habe einen Sprachkurs besucht. Heute muss man ja ein paar Deutschkenntnisse haben, bevor man ein Visum bekommt, damals war das nicht so. Erst als ich hier war, habe ich gemerkt, das ohne die Sprache gar nichts geht. Ich war immer traurig, weil ich nicht raus konnte, mein Mann hat immer gearbeitet. Er hatte nie Zeit. Ich war sehr allein. Und nach sechs Monaten haben ich mich entschieden, das zu ändern, und habe mich bei der AWO zu einem Sprachkurs angemeldet.

Gegenwind:

Konntest Du Dich dann in Deutschland ohne Probleme bewegen? Oder gab es Situationen, wo Dein Deutsch nicht gereicht hat?

Mariam Mohammed:

Ja, es gab viele Situationen, in denen ich gemerkt habe, ich brauche mehr Deutsch. Ich wollte auch mehr machen. Ich möchte immer in Bewegung sein, und ich habe immer wieder gemerkt, dass noch Sprache fehlt. Ich lerne heute noch. Aber damals hatte ich kaum Unterstützung, das war ja, bevor es Integrationskurse gab. Ich musste alles selbst bezahlen. Und es war immer die Diskussion, ob ich jetzt schon genug kann oder noch mehr lernen sollte. Ich habe dann selbst mit Arbeit angefangen, damit ich wieder mit einem neuen Kurs anfangen kann. Ich machte das über längere Zeit. Erst später habe ich von Beratungsstellen erfahren, wo man auch Hilfe bekommen kann, das habe ich damals nicht gewusst.

Gegenwind:

Hattest Du einen Plan, was Du hier erreichen willst?

Mariam Mohammed:

Ja. Ich wollte immer einen Beruf lernen oder studieren. Aber es war schwer. Ich bin zum RBZ Königsweg gegangen und habe eine Ausbildung zur Pflegeassistentin gemacht und alles erfolgreich absolviert. Das war in den Jahren 2023. Und danach habe ich erstmal gearbeitet, ich wollte aber mit der Ausbildung weitermachen. Beim RBZ Schützenpark habe ich dann die FOS (Fachoberschule) absolviert mit Abschluss. Dann wollte ich mein deutsches Abitur, da habe ich leider jetzt die Prüfung nicht geschafft. Ich will irgendwann studieren, aber das geht jetzt noch nicht.

Gegenwind:

Lässt Du Dich auch von der Uni beraten? Es gibt ja auch Möglichkeiten, ohne Abitur zu studieren.

Mariam Mohammed:

Ja, das geht dann aber nur in bestimmten Fächern, man hat dann nicht die Auswahl. Im Moment lasse ich mich eher von der Arbeitsagentur beraten.

Gegenwind:

Was machst Du im Moment?

Mariam Mohammed:

Im Moment bin ich zu Hause. Ich weiß ja erst seit ein paar Tagen, dass ich das Abitur nicht geschafft habe, denn nach der Prüfung hatte ich ein gutes Gefühl. Deutsch und Mathe sind meine Probleme. Und in der mündlichen Prüfung reichte es nicht ganz.

Gegenwind:

Weißt Du schon, ob Du einen zweiten Versuch machst?

Mariam Mohammed:

Ich überlege noch, aber angemeldet habe ich mich schon, aber ich gucke auch nach Alternativen.

Gegenwind:

Hast Du Kinder?

Mariam Mohammed:

Ja, ich habe drei Kinder. Es ist nicht leicht, mit Kindern und Schule gleichzeitig.

Gegenwind:

Hat der Vater auch Zeit?

Mariam Mohammed:

Leider sehr wenig, er arbeitet sehr viel. Ich muss es weitgehend alleine schaffen. Aber die älteste Sohn ist gerade im Mai 16 geworden. Der andere Sohn ist zwölf Jahre alt, die kleine Tochter ist sechs Jahre. Sie kommt gerade in die Schule.

Gegenwind:

Ist die 16-jährige Sohn ein Deutsche? Oder hat sich auch was von Ghana oder Togo?

Mariam Mohammed:

Von Togo kaum etwas, weil der Vater selten Zeit hat. Er ist auch sehr jung hergekommen, wegen der Diktatur und des Krieges da. Er hat den Kontakt zu seinen Eltern verloren. Als er damals mit meinem Onkel in Ghana war, wollte er auch seine Familie suchen. Sie sind im Krieg getrennt worden, aber er hat gehört, dass seine Eltern nach Ghana geflohen sind. Ein Verein hat ihn nach Deutschland gebracht. Von Togo kennen die Kinder kaum etwas. Von Ghana schon etwas mehr, von mir. Aber ich würde sagen, sie leben völlig deutsch. Sie reden Deutsch, denken Deutsch, träumen Deutsch.

Gegenwind:

Kommen die Kinder in der Schule gut zurecht? Haben sie Ideen für einen Beruf, zumindest der Älteste?

Mariam Mohammed:

Eigentlich ja, mit kleinen Problemen hier und da. Es ist wirklich eine Herausforderung. Die Kinder brauchen mich, weil ihr Papa immer bei der Arbeit ist. Jemand muss um die Finanzierung kümmern. Es ist schwer, aber sie schaffen es. Er möchte gern in Zukunft Machinenbau-Ingenieur oder Metallbauer werden, genau wie sein Vater.

Gegenwind:

Hast Du Erfahrungen mit Rassismus? Oder haben die Kinder Erfahrungen?

Mariam Mohammed:

Mein Sohn hat schon viel erlebt. Aber gottseidank gibt es auch gute Menschen da draußen. Manchmal gerät man an die Falschen, aber dann gibt es wieder andere, die das Leben leichter und schöner machen. Er hat viel erlebt. Er war erst im Gymnasium. Er war sehr temperamentvoll, und immer wenn was war, wurde er beschuldigt. Er hat zur Schule gewechselt und jetzt ist es besser geworden. Die andere Sohn hat keine Probleme, ist eher ein Problemlöser. Er kann sehr gut mit Problemen umgehen. Die Kleine ist im Kindergarten, da ist alles prima.

Gegenwind:

Als Du kamst, gab es in Kiel viel weniger Schwarze. Jetzt sind es mehr geworden. Merkst Du das?

Mariam Mohammed:

Ja, das merkt man. Es ist für alle besser geworden. Als ich kam, war es sehr schwierig. Die Leute kannten wenig Schwarze, wir waren Fremde. Jetzt merken die Leute, dass wir da sind. Und jetzt ist klar, wir müssen uns zusammenfinden. Es ist also ein bisschen besser geworden.

Gegenwind:

Wann hast Du das erste Mal vom Projekt „Kluge Köpfe” gehört?

Mariam Mohammed:

Erst ganz kurz vor der Verleihung. Rashida, die auch ein Interview gegeben hat, hat mir von dem Projekt „Kluge Köpfe” erzählt. Ich fand das und finde das eine sehr gute Initiative. Ich habe da auch viel gelernt. Da habe ich auch von vielen Beratungsstellen erfahren, wo man Hilfe bekommt. Es gibt Hilfe für die Schule, für die Arbeit, für die Kinder.

Gegenwind:

Waren Deine Kinder mit zur Preisverleihung?

Mariam Mohammed:

Ja, sie waren da, und sie waren begeistert.

Gegenwind:

Weil ihre Mutter auf der Bühne stand? Oder auch wegen der anderen?

Mariam Mohammed:

Wegen allem. Sie waren stolz auf mich. Aber sie fanden alles toll. Sie haben die anderen Teilnehmerinnen auch kennengelernt. Und sie haben viel mitbekommen. Hoffentlich werden sie auch irgendwann auf der Bühne stehen.

Gegenwind:

Deine Urkunde hat die Sozialministerin unterschrieben. Kennst Du sie?

Mariam Mohammed:

Ich kenne natürlich ihren Namen, aber persönlich kenne ich sie nicht. Ich habe aber im Internet gesucht und sie gefunden. Sie ist interessant, und man weiß jetzt, es ist machbar, man kann alles schaffen. Sie hat jetzt ein Kind bekommen und braucht viel Geduld, das kenne ich von meinen Kindern. Aber es ist eine schöne Zeit, sie soll das genießen. Aber man braucht Geduld, wenn die Kinder wachsen. Jede Phase hat eigene Herausforderungen. Man braucht viel Energie.

Gegenwind:

Wenn Du zu solch einer Veranstaltung gehst wie im September, kommst Du in einem großen Raum, und es sind fast nur schwarze Menschen da. Ich das was Besonderes?

Mariam Mohammed:

Ja, und ich freue mich. Wir bewegen etwas, und erreichen etwas. Viele haben Vorurteile gegen Schwarze. Aber wenn wir so zusammenkommen, wenn wir uns zeigen, wenn wir zeigen, was wir in der Gesellschaft machen, dann hilft das allen.

Gegenwind:

Freust Du Dich auch über Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die nicht aus Ghana kommen?

Mariam Mohammed:

Ja, ich habe viele aus anderen Ländern kennen gelernt. Es war schön zu sehen, dass viele Leute aus anderen afrikanischen Ländern da waren. Ich finde das toll. Aber es müssen auch mehr Deutsche kommen, das würde mich freuen.

Gegenwind:

Bist Du im September wieder dabei?

Mariam Mohammed:

Ja, ich bin dabei und will auch immer kommen als Teilnehmerin und Zuschauer, wenn meine Kinder und andere Kinder da stehen auf der Bühne. Und ich lade immer Bekannte ein. Wir haben ja auch andere Vereine, wir versuchen die Kinder zu fördern, damit sie ihren Platz in der Gesellschaft finden. Die Kinder sollen sehen, was andere geschafft haben und wissen dann, sie können es auch schaffen.

Gegenwind:

Vielen Dank!

Interview: Reinhard Pohl

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