(Gegenwind 445, Oktober 2025)

Arbeisplatz im Briefzentrum

Überlastet im Briefzentrum

Beschäftigte bei der Deutschen Post AG leiden unter Arbeitsüberlastung

Die Halle war voll und die Stimmung war schon nach Manuels Vorfilm angriffslustig, berichtet die Betriebsgruppe Brief Lübeck der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft, ver.di. Kolleg:innen der Niederlassung Kiel der Deutschen Post AG kamen auf der Betriebsversammlung im Juni in den Holstenhallen Neumünster zusammen - Zusteller:innen, Beschäftigte aus dem Fahrdienst und der Stationären Bearbeitung. Viel Ärger über die Arbeitsbedingungen in den Brief- und Paketzentren, in den Zustellstützpunkten, überhaupt an den Arbeitsplätzen in der Post kam zur Sprache. Die Situation ist nicht neu, verschlechtert sich aber weiter.

Die Betriebsratsvorsitzende der Niederlassung Kiel der Deutschen Post AG, Anja Schadow, kritisierte geplante Maßnahmen, mit denen Vorgaben der Konzernzentrale umgesetzt werden sollen: Entlassungen und „Kostensenkungsmaßnahmen” genannte weitere Arbeitsverdichtung. Sie forderte die Niederlassungsleiterin auf, endlich Stellung zu den geplanten „radikalen Maßnahmen” zu nehmen und stellte dazu in ihrem Vortrag drei Fragen: Wird es ihr gelingen mit den Zustellmustern und vielen Schnitten eine ähnliche Qualität zu schaffen, wie mit euch Stammzusteller:innen und Rolli-Springer:innen? - ein deutliches „Nein” der Beschäftigten in der Halle war die Antwort. Wird die Post es schaffen für annehmbare Arbeitsbedingungen zu sorgen und das Personal zu halten? Wieder ein vielstimmiges Nein, ebenso auf die dritte Frage: Und wird sie es schaffen der Zunahme an psychischen Erkrankungen durch Überlastung und deren Folgen Herr zu werden?

In der Aussprache zu den Geschäftsberichten wurde deutlich, hier prallen Welten aufeinander, so die Betriebsgruppe in ihrem Bericht: Während die Leitung an ihren fremd gesteckten Zahlen orientiert, den eigenen Folien vertraut, verzweifeln unsere Kolleginnen und Kollegen am Alltagsstress.

Die „Kollegin Michel” von der Zustellbasis Flensburg protestierte laut Bericht gegen die Überbelastung durch Arbeitsaufgaben: Ich habe kein Kabel im Hintern und kann mich abends wieder an der Steckdose aufladen!

Drei Monate vor der Betriebsversammlung in den Holstenhallen in Neumünster verkündete der Vorstand der Deutschen Post AG und ihrer Dachgesellschaft, der DHL Group am 6. März das Sparprogramm „Fit for Growth”. Es soll die Betriebsausgaben jährlich um eine Milliarde Euro drücken: 8.000 der insgesamt 187.000 Stellen bei der Deutschen Post AG sollen bis Jahresende abgeschafft werden - immerhin vier Prozent. Die Streichung solle „sozialverträglich erfolgen” - durch Nichtverlängerung auslaufender Arbeitsverträge und Rentenbeginn. Im Übrigen möchten wir nicht unerwähnt lassen, dass wir mit der Gewerkschaft Verdi einen Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen bis 31. März 2027 vereinbart haben, so Alexander Edenhofer, Pressesprecher der DHL Group, zum Autor. Nikola Hagleitner, die Personalchefin der Sparte Post & Paket Deutschland, hatte diesen Schritt unmittelbar nach dem Tarifabschluss mit ver.di am 4. März angekündigt, allerdings verklausuliert: Mit Blick auf das Umfeld und diesen Tarifabschluss werden wir daher unsere Kostensenkungsmaßnahmen konsequent erweitern und beschleunigen müssen.

Nach „schwierigen Verhandlungen” haben sich die Deutsche Post und die Gewerkschaft ver.di auf einen neuen Tarifvertrag für rund 170.000 Beschäftigte der Deutsche Post AG geeinigt. Dieser sieht in Summe fünf Prozent mehr Lohn für alle tarifbeschäftigten Arbeitnehmer:innen, Auszubildenden und dual Studierenden vor: Allerdings über zwei Jahre gestreckt, bis Ende 2026. Die Inflation der letzten zwei Jahre lag höher, wie bereits bei der letzten Tarifrunde 2023. Die letzten drei Prozent Gehaltserhöhung gibt es erst zum 1. April 2026. Außerdem gibt es einen zusätzlichen Urlaubstag. Die Verhandlungen mit ver.di waren äußerst schwierig, beklagte sich Thomas Ogilvie, Konzernvorstand Personal und Arbeitsdirektor der Deutsche Post AG: Angesichts der Geschäftsentwicklung bei Post & Paket Deutschland gab es kaum Spielraum für Lohnerhöhungen. Deswegen waren auch vier Verhandlungsrunden und bundesweit mehrere Warnstreiks nötig, um dieses Ergebnis zu erreichen. Aber, so Thomas Ogilvie: Die strukturellen Probleme, die Post & Paket Deutschland belasten, sind mit der Einigung allerdings nicht vom Tisch. Post & Paket Deutschland befinde sich inmitten des Umbaus vom Brief- zum Paketgeschäft, der in einem herausfordernden Umfeld stattfinden würde: Der strukturelle Briefmengenrückgang hat sich deutlich beschleunigt, das regulatorische Umfeld ist nachteilig, und die Kostenbelastung durch die letzten Tarifabschlüsse ist signifikant, erläutert Dr. Hans-Christian Mennenga, Pressesprecher der DHL Group.

In diesem schwierigen Umfeld ist es nun unsere Aufgabe, den Umbau des Unternehmensbereichs voranzutreiben und die Profitabilität von Post & Paket Deutschland zu sichern, meint Nikola Hagleitner, um weiter in den Umbau unserer Netze und die Qualität unserer Dienstleistung investieren zu können.

Bereits im September hatte der Vorstand der Deutschen Post AG unter dem Namen „Strategie 2030” einen kompletten Umbau der Konzernstruktur angekündigt, der eine mögliche zukünftige Ausgliederung des Post-Bereichs stark vereinfachen wird. Und die Gewinne steigern soll.

Mit der „Strategie 2030” will der gesamte Konzern DHL Group seinen Umsatz bis 2030 um 50 Prozent steigern - von knapp 82 Milliarden Euro im Jahr 2023 auf über 120 Milliarden Euro im Jahr 2030. Wir wollen schneller und profitabler wachsen, so Tobias Meyer, jetziger Vorstandsvorsitzender der DHL Group und ehemaliger Vorstand von Post & Paket Deutschland.

Der geplante und angekündigte Abbau von 8.000 Stellen bis zum Jahresende ignoriere die Arbeitsbelastung, meint dagegen Christina Grieben*, Mitglied der Gewerkschaft ver.di, die als Briefzustellerin in einer ostdeutschen Stadt arbeitet im Gespräch mit dem Autor: Vor allem die Aussage, dass die Sendungsmengen stark zurückgehen würden. Leider ist dies bei uns im Zustellstützpunkt nicht zu erkennen. Mit den 8.000 Entlassungen ist das Management der Post jetzt im September schon durch.

Ich habe den Eindruck, dass den Damen und Herren im Posttower in Bonn egal ist, wie die Arbeitsbelastung ist, bemerkt Kerstin Neuendorf*, Briefzustellerin, im Gespräch mit dem Autor: Für sie zählt lediglich die Kapitalseite, Hauptsache Gewinn egal wie scheint das Motto der Stunde zu sein.

ver.di-Mitglied Kerstin Neuendorf ist Betriebsrätin in einem Zustellstützpunkt in Sachsen-Anhalt, auch sie kritisiert die 8.000 Kündigungen: Bei uns sind fast alle befristete Kollegen weg, ihre Verträge wurde einfach kommentarlos nicht verlängert, neue Kolleginnen wurden bisher auch nicht eingestellt.

Alexander Edenhofer betont dagegen: Was den angekündigten Stellenabbau im deutschen Brief- und Paketgeschäft betrifft, so können wir nur wiederholen, dass wir in 2025 rund 8.000 Stellen sozialverträglich abbauen müssen, um die wirtschaftliche Tragfähigkeit des Unternehmensbereichs Post & Paket Deutschland zu erhalten. Als einer der Pressesprecher der DHL Group legt er den Standpunkt des Vorstands dar: Aufgrund des beschleunigten Rückgangs der Briefmengen, nachteiliger regulatorischer Rahmenbedingungen und der zusätzlichen Kosten durch die Tarifabschlüsse aus 2023 und 2025 haben wir hier größeren Handlungsbedarf als in anderen Bereichen, gleichwohl haben wir im Jahr 2024 über 1.000 neue Auszubildende eingestellt.

Dabei haben sich die regulatorischen Vorschriften durch das neue Postgesetz, das nach langen Verhandlungen am 1. Januar in Kraft trat, auf Betreiben der Deutschen Post AG für sie positiv verändert: Die Pflicht, als Universaldienstleister die Zustellung von Briefen in der Regel am nächsten Werktag zu garantieren, ist aufgeweicht worden - zum Nachteil der Kund:innen und der Beschäftigten: Die Post nimmt das neue Postgesetz zum Anlass, um ordentlich einzusparen, durch die höheren Laufzeitlängen muss der Konzern nicht mehr so pünktlich liefern wie vorher, erklärt Felix Plogshagen*, Postzusteller in Norddeutschland im Gespräch mit dem Autor: Wer taggleiche Zustellung wie früher haben will, muss heute viel blechen, alle anderen haben das Nachsehen. Das aktive Gewerkschaftsmitglied kritisiert: Statt mit rückläufiger Briefmenge und mehr Zeit Entlastung in die Betriebe zu bringen, erhöht der Konzern die Belastung noch weiter. Die Touren der Zusteller:innen werden länger. Dazu kommt, dass die Paketmengen immer weiter ansteigen und wir dann mit weniger Leuten mehr wegbringen müssen, so Felix Plogshagen: Das macht den Job für viele Kolleg:innen immer unerträglicher.

Die Umsetzung des novellierten Postgesetzes sieht die Chefetage als Chance: Die Sendungsmengen-Steuerung führt also dazu, dass verschiedene Empfänger im gleichen Bezirk ihre Sendungen an unterschiedlichen Tagen erhalten. Damit sparen wir viele Wege und Kosten, darüber hinaus weiten wir die Verbundzustellung, also die gemeinsame Zustellung von Briefen und Paketen, aus, sagt Alexander Edenhofer, Pressesprecher der DHL Group dem Autor: Damit machen wir Beschäftigung bei der Deutschen Post zukunftsfähig, weil die Auslastung der Zusteller durch die Verbundzustellung hoch bleibt - sie haben zwar immer weniger Briefe dabei, dafür aber immer mehr Pakete.

Auslastung kann auch als Überbelastung gesehen werden: Es kam zu einer Verschlechterung durch den Personalmangel und den daraus folgenden hohen Krankenstand, de Folge sind häufiger unbesetzte Touren, so Christina Grieben: Die Arbeitsbelastung ist definitiv gestiegen, die Flexibilisierung wird dazu missbraucht, den Personalmangel auszugleichen. Felix Plogshagen kritisiert: Statt auf die Kolleg:innen zu hören und für Entlastung zu sorgen, verschärft der Arbeitgeber die Kontrollen, verfolgt unsere Kolleg:innen draußen auf Zustellung, beobachtet sie, verlangt Stellungnahmen oder mahnt sie im Zweifel ab, das erhöht den Druck natürlich noch weiter. Auch die Fluktuation sei insgesamt sehr hoch. Ständig würden neue Kolleg:innen anfangen und dann sehr schnell wieder gehen, weil die Belastung zu hoch ist. Gleichzeitig haben wir immer noch viele befristete Kolleg:innen, die nicht verlängert werden, weil die Personalabteilung sehr rigoros auf Krankentage und Arbeitsleistung schaut, so Plogshagen: Wenn du da zu oft Touren abbrichst oder das Pech hast, krank zu werden, bist du da schnell raus. Auch langjährige Kolleg:innen würden die deutsche Post AG verlassen, weil sie nicht mehr können. Und wieder kommt die Post verspätet, weil sie sich erst eine neue Zustellerin in die Tour einarbeiten muss. Dazu kommt derzeit eine starke Belastung durch Hitze und alte Betriebsstätten, die nicht ausreichend klimatisiert sind und teilweise ein hohes Gesundheitsrisiko darstellen, mahnt Felix Plogshagen: In Zukunft sollen die Kolleg:innen noch mehr Zeit draußen verbringen, Vorbereitungsprozesse sollen von der Zustellung getrennt werden - das heißt nicht anderes, als dass die Kolleg:innen noch länger draußen unterwegs und dem Wetter ausgesetzt sind.

Aktuell sortieren die Kolleg:innen in den meisten Stützpunkten die Post selbst und fahren dann erst später raus - das macht den Job abwechslungsreicher und wir sind nicht permanent dem Wetter ausgesetzt, so Felix Plogshagen. Die Entwicklung soll mit dem Konzept „gepackte Tasche” wieder zurückgehen zur Trennung der Arbeitsschritte, zur Vorbereitung in den Briefzentren und Auslieferung vor Ort. Die Kolleg:innen in der reinen Auslieferung wären dann statt etwa sechs, wieder bis zu neun Stunden draußen. Auch bei extremer Kälte oder Hitze.

Gaston Kirsche

* Namen auf Wunsch geändert

Zur Startseite Hinweise zu Haftung, Urheberrecht und Datenschutz Kontakt/Impressum