(Gegenwind 448, Januar 2026)

Die Lange Anna
Die Lange Anna

Der Kampf um Helgoland

Jugendliche besetzen die Insel um gegen Bombardierungen und Wiederaufrüstung zu protestieren

Das Jahr 1951 war angebrochen und noch immer befanden sich die Besetzer auf der Insel. Die deutschen Behörden verweigerten den Briten die Zusammenarbeit, deshalb dauerte es bis zum 3. Januar, bis 16 Besetzer von der Insel geholt werden konnten. Der britische Hohe Kommissar Sir Kirkpatrick sah ein, daß keine Möglichkeit bestand, weitere Besetzer von der Insel fernzuhalten und empfahl dem Foreign Office am 6. Januar 1951, die Bombardierung einzustellen und den Einwohnern die Rückkehr zu gestatten, andernfalls „wird das ein Palästina im kleinen.” Es sollte aber noch weitere Besetzungs-Aktionen erfordern, bis aus der einzigen deutschen Hochsee-Insel statt eines Bombenabwurf-Terrains wieder ein lebenswerter Ort werden sollte.

Die Royal Air Force nimmt die Insel ins Visier

Bei zwei Angriffswellen am 18. und am 19. April 1945 warfen 1000 Flugzeuge der britischen Royal Air Force etwa 7000 Bomben ab. Die Mehrheit der Bewohner überlebte in den Luftschutzbunkern. 285 Menschen kamen ums Leben, darunter zwölf Zivilisten. Die anderen Opfer waren Soldaten, Flak- und Marinehelfer. Die Zivilbevölkerung, ca. 2.500 Menschen, wurde noch von den Deutschen evakuiert.

Am 11. Mai 1945 übernahm Admiral Muirhead-Gould für Großbritannien die Insel. Helgoland wurde jedoch nicht der britischen Militärregierung unterstellt - die Nordseeküste gehörte der Britischen Zone an - sondern der britischen Admiralität. Diese ungewöhnliche Maßnahme deutete bereits an, dass konkrete Pläne für eine militärische Nutzung vorlagen. Bis Ende September 1945 wurden Aufräumungsarbeiten durchgeführt, wozu man hauptsächlich Kriegsgefangene heranzog. Anschließend begann die Royal Air Force, Helgoland als Übungsgelände für Bombenabwürfe mit scharfer Munition zu nutzen. Die Bombardierungen erfolgten unregelmäßig und wurden nicht vorher angekündigt.

Am 18. April 1947 wurde auf Helgoland die größte nichtatomare Sprengung der Militärgeschichte gezündet. 6.700 t Munition mit einer Netto-Sprengkraft von 4.610 t TNT zerstörten die Militärfestung Helgoland: Die Südspitze fiel in sich zusammen und schuf den heutigen Mittellandkrater. Einbetonierte Seeziel- und Flakstellungen auf dem Oberland flogen in die Luft und hinterließen nur wenige Betonreste, die heute noch unter der Grasnarbe hervorlugen. Die Hafenanlagen und Küstenschutzmauern blieben intakt, auch der Zivilschutzbunker blieb verschont.

Jugendliche besetzen die Insel

Am 20. Dezember 1950 ließen sich Heidelberger Studenten Georg von Hatzfeld und Rene Leudesdorff zu einer symbolischen Besetzung auf der Insel absetzen, um damit für die Rückgabe Helgolands an seine Bevölkerung zu demonstrieren und hissten die Bundes-, die Europa- und die grün-rot-weiße Helgolandflagge.

Doch in der „Helgolandfrage” ging es vor 75 Jahren nicht nur um die Beendigung der Bombardierung der Insel durch die Royal Air Force (RAF) und die Rückkehr der Inselbewohner:innen, sondern sie spielte auch eine Rolle im Kampf gegen die Wiederaufrüstungsbestrebungen der jungen Bundesrepublik.

Ende Februar 1951 wurde die Insel Ziel einer weiteren Besetzungs-Aktion. Die Aktivist:innen der westdeutschen FDJ, der sozialdemokratischen Falken, der Jungsozialisten, der Gewerkschaftsjugend und der Guttempler-Jugend aus Hamburg und Schleswig-Holstein hissten neben der Bundes- und Helgolandflagge auch die blaue Fahne mit der weißen Friedenstaube.

Marianne Wilke aus Wedel (die spätere Landesvorsitzende der VVN- Bund der Antifaschist:innen) war eine der Jugendliche, die in der zweiten Besetzergruppe dabei war:Unsere Motive waren bestimmt von den Erlebnissen des Krieges. Wir hatten die Grauen von Krieg und Faschismus erlebt - wir wollten eine bessere Welt, vor allem eine friedliche. Dass quasi vor unserer ‚Haustür’ wieder Bomben für zukünftige Kriege getestet wurden, fanden wir unerträglich.

Der erste Eindruck von der Insel, als wir eintrafen, war überwältigend und erschütternd zugleich. Die Sandsteinfelsen ragten mächtig aus dem Wasser, und auch die Lange Anna, das Wahrzeichen der Insel, 63 Meter hoch, etwas an den Schiefe Turm von Pisa erinnernd, imponierte uns sehr. Die Insel aber glich einer einzigen Kraterlandschaft. Wie schon die erste Delegation, arbeiteten wir am Tage auf dem Helgoländer Friedhof; wir stellten umgestürzte Steine wieder auf. Nach einer Woche kam, womit wir gerechnet hatten: Polizei rückte an, um uns von der Insel zu holen. Es dauerte einige Stunden, ehe sich die Polizeibeamten mit Hilfe von Schneidbrennern Zugang zum Bunker, in dem wir Zuflucht gesucht hatten, verschafft hatten.

Nach 14 Tagen Einzelhaft im Kieler Gefängnis Harmsstraße machte uns das Gericht der britischen Kontrollkommission den Prozess Anklagepunkte: Unbefugte Landung und Aufenthalt auf Helgoland.
Die Urteile lauteten: Für die Mädchen zwei Monate auf Bewährung; für die Jungen drei Monate ohne Bewährung. Dieser Aktion folgten noch drei weitere. Insgesamt beteiligten sich insgesamt an die 100 Jugendliche an den Helgoland-Besetzungsaktionen.

Nach Debatten im britischen Unterhaus und im Bundestag trat im März der Helgoland-Vertrag in Kraft, der die Freigabe der Insel zum 1. März 1952 festlegte.

Helgoland als Beobachtungs- und Militärposten vor der deutschen Bucht

Helgoland hat eine lange Tradition als Militärposten vor der deutschen Bucht. Am 1. Juni 1890 übergeben die Briten Helgoland an das Deutsche Reich. Die Übernahme ist Bestandteil eines Interessenausgleichs beider Länder, der im Helgoland-Sansibar-Vertrag festgeschrieben ist. Im Gegenzug tritt das Deutsche Reich den Briten Gebiete in Ost- und Südwestafrika ab.

Strategischer Hintergrund war aus deutscher und preußischer Sicht der im Bau befindliche Nord-Ostsee-Kanal. Dieser ermöglichte einen schnellen Wechsel von Handels- und Kriegsschiffen zwischen Nord- und Ostsee ohne Umrundung der Nordspitze Dänemarks; zudem mussten sich die passierenden Schiffe im Kriegsfall so nicht mehr der Bedrohung durch feindliche Kriegsschiffe und dänische Küstenartillerie aussetzen. Helgoland als britischer Beobachtungs- und möglicherweise Militärposten in der westlichen Kanaleinfahrt schmälerte dessen Wert. Aus britischer Sicht waren der Tausch gegen die inzwischen in den Blickpunkt gerückte ostafrikanische Insel Sansibar und Grenzvereinbarungen in Westafrika attraktiv.

Als Seefestung dient Helgoland im Ersten Weltkrieg dem Militär, um die Deutsche Bucht vor der britischen Flotte zu schützen. Zu Kriegsbeginn müssen die knapp 3.500 Halunder, wie sich die Inselbewohner selbst nennen, deshalb im August 1914 ihre Heimat verlassen. Nach Ende des Weltkrieges wird Helgoland entsprechend des Versailler Vertrages entmilitarisiert.

1935 beginnen die Nazis mit der Remilitarisierung der Insel. Die bestehenden Bunker und Tunnel werden instand gesetzt und erweitert, der Hafen wird für große Kriegsschiffe und U-Boote ausgebaut. Kernstück der Festung war ein in den Felsen getriebenes, ca. 20km langes Bunkerstollensystem. Die unterirdische Raumanlage in der Südspitze der Insel beherbergt ein fünf Stockwerken die Marinekommandozentrale, Munitionslager, eine Krankenstation, eine Großküche, eine Bäckerei und Unterkünfte für 3000 Soldaten.

Astrid Friedrichs, eine gebürtige Helgoländerin, hat 2015 ein Buch über eine Widerstandsgruppe auf der Hochseeinsel geschrieben . Im April 1945 lebten auf der Insel nicht nur gut 2000 Helgoländer, sondern auch rund 4000 Soldaten, Bauarbeiter und Kriegsgefangene. Eine Widerstandsgruppe um Georg Braun versucht gegen Ende des Zweiten Weltkriegs die kampflose Übergabe der Insel Helgoland an die Briten zu arrangieren. Kurz vor Ausführung der Pläne wurde die Aktion jedoch von zwei Mitgliedern der Gruppe verraten. Etwa 20 Männer wurden am frühen Morgen des 18. April auf Helgoland verhaftet und 14 von ihnen nach Cuxhaven transportiert. Nach einem Schnellverfahren wurden fünf Widerständler drei Tage später, am Abend des 21. April 1945, auf dem Schießplatz Cuxhaven-Sahlenburg hingerichtet.

Der Kommandant der Seeverteidigung Elbe-Weser, der diese Todesurteile bestätigt hatte, war Korvettenkapitän Rolf Johannesson. Für die Entscheidung über eine Bestätigung der Todesurteile war der Gesichtspunkt ausschlaggebend, dass eine Nichtbestätigung ein Anreiz für Teile der Festungsbesatzung sein würde, sich in weitere Verschwörungen einzulassen, begründete er noch 1953 diese Urteile.

1955 bewarb sich Johannesson um die Einstellung in die in Planung befindliche Bundesmarine. Am 1. Januar 1957 wurde er dort als Flottillenadmiral in den Dienst übernommen. Während seiner Zeit als Befehlshaber bemühte sich Johannesson vor allem darum, die Einbindung in die NATO-Kommandostruktur zu verbessern. Bis 2017 zierte eine Büste Johannesson die repräsentative Halle in der Marineschule Flensburg-Mürwik.

Gegen Wiederbewaffnung und Einführung der Wehrpflicht

Mitte Februar nimmt eine bundesdeutsche Delegation an einer in Paris stattfindenden Konferenz über die Aufstellung einer europäischen Armee teil. Ende September berät Konrad Adenauer nach einer Außenministerkonferenz der Westalliierten in Washington wie konkret der Aufbau einer bundesdeutsche Armee und der militärischen West-Einbindung vonstatten gehen kann.

Das gesamte Jahr 1951 ist von starken Aktivitäten der Gegner einer Wiederbewaffnung der Bundesrepublik geprägt - sei es auf Konferenzen, Kundgebungen oder Demonstrationen. In Kiel hält z.B. Fritz Baade, der SPD-Bundestagsabgeordnete und Direktor des „Instituts für Weltwirtschaft”, am 19. Februar in einem Vortrag vor Studenten der Universität Kiel, in dem er sich für ein kollektives Sicherheitssystem zwischen West und Ost ausspricht.

Eine zentrale Rolle spielte dabei die Kampagne für eine deutschlandweit (in BRD und DDR) durchzuführende „Volksbefragung gegen Remilitarisierung”. In Westdeutschland wurde die Volksbefragung am 24. April 1951 durch Bundesinnenminister Lehr (CDU) verboten, da diese angeblich dazu bestimmt ist, unter Verschleierung der verfassungsfeindlichen Ziele die freiheitliche, demokratische Grundordnung der Bundesrepublik zu untergraben, um die Bevölkerung für einen kommunistischen Umsturzversuch zu gewinnen.

Unvermittelter Sprung in die Gegenwart: Am Tag, als dieser Beitrag verfasst wird, findet in Kiel (und bundesweit) der erste „Schulstreik gegen Wehrpflicht” statt. Es heißt, wir sollen für Deutschland Krieg führen können. Doch was ist eigentlich mit unserem Recht, in Frieden zu leben und selbst zu entscheiden, wie wir unser Leben führen wollen? heißt es im bundesweiten Aufruf.

Günther Stamer

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