(Gegenwind 448, Januar 2026)

Buchtitel - Elmschenhagen währen der Naziherrschaft 1933 1945
Runder Tisch gegen Rassismus & Faschismus Elmschenhagen: Elmschenhagen währen der Naziherrschaft 1933 1945. Wie war es damals? Broschüre, 70 Seiten im Format A4 mit vielen Bildern. Kontakt: rundertisch-elmschenhagen@web.de

Unbekannte Nazizeit

Elmschenhagen in Kiel weiß jetzt mehr

Viele Zeitzeuginnen und Zeitzeugen gibt es nicht mehr. Also braucht es Akteure wie den „Runden Tisch gegen Rassismus & Faschismus” im Kieler Stadtteil Elmschenhagen, um die Erinnerung zu dokumentieren, Informationen aus Archiven zu sammeln und alles den heute lebenden Menschen und der Nachwelt zugänglich zu machen.

Die Broschüre arbeitet die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft in diesem Stadtteil gründlich und systematisch auf. Vorgestellt werden einige der damals aktiven Menschen und die Wahlergebnisse. Denn Elmschenhagen hatte als Stadtteil mit vielen Werftarbeitern ja durchaus das Potential, sich der neuen Zeit entgegenzustemmen. Das taten einzelne, aber vergeblich.

Dargestellt wird dann auch, wie die Straßennamen in Elmschenhagen verändert wurden. Viele wurden natürlich zweimal geändert: Zu Beginn der Diktatur und nach ihrem Ende.

In dem Stadtteil wurden während des Krieges mehrere Lager für Zwangsarbeiter angelegt. Denn die Werften und ihre Produktion von Kriegsschiffen, vor allem U-Booten, waren natürlich kriegswichtig. Es war keineswegs geheim, alle konnten die Lager für Zwangsarbeiter und auch die Zwangsarbeiter selbst sehen, denn viele marschierten in Kolonnen zur Arbeit und wieder zurück ins Lager.

In Elmschenhagen gab es acht Lager. Die meisten Zwangsarbeiter wurden auf den Werften eingesetzt, aber es gab auch welche, die im Stadtteil selbst in verschiedenen Firmen arbeiten musste. Dass sie es unter Zwang taten, dass sie schlecht ernährt waren, sahen natürlich alle. Der Runde Tisch hat einige Zeugenaussagen zusammen getragen, teils aus den Akten der Staatsanwaltschaft nach dem Krieg. Es gab wohl auch manchmal heimliche Unterstützung, so wurde Zwangsarbeitern von Einheimischen auch mal Essen zusteckt.

Es gab auch ein Kinderlager. Da wurden die Kinder versorgt, die von Zwangsarbeiterinnen zur Welt gebracht wurden. Vermutlich sind zwei der zwanzig Kinder dort gestorben.

Zwangsarbeiter wurden teils hingerichtet, die Hinrichtung auch öffentlich plakatiert. Vorwürfe bestanden zumeist in „Plünderung”, das heißt, Zwangsarbeiter wurden beschuldigt nach Bombenangriffen irgend etwas eingesteckt zu haben.

Es gab auch Widerstand. In der Broschüre wird Ljudmila Muratowa aus dem russischen Rostow vorgestellt, die in Elmschenhagen als Putzfrau arbeiten musste. Sie bekam Flugblätter für die Zwangsarbeiter aus Russland in die Hände, die sie weitergab. Dafür wurde sie verhaftet, erst in Kiel eingesperrt, dann kam sie 1943 ins Konzentrationslager. Dort blieb sie, bis sie 1945 von der Roten Armee befreit wurde.

Entschädigung wurde über viele Jahrzehnte nicht gezahlt.

Anschließend wendet die Broschüre sich den Tätern zu. Vorgestellt wird zum Beispiel Eduard Seemann, SS-Unterscharführer, der niedrigste Dienstrang bei der SS. Konkrete Taten von ihm sind nicht bekannt, er machte einfach mit. Nach dem Krieg wurde er von den Briten für zwei Jahre interniert und musste gemeinnützige Arbeit leisten. Er lebte noch bis 1992 in Elmschenhagen.

Im nächsten Kapitel geht es um die Kirchengemeinde. Beide Pastoren waren Mitglied der NSdAP und gehörten den „Deutschen Christen” an. Einer allerdings machte auf Kosten der Kirche einen Tschechisch-Kurs und veranstaltete Andachten für tschechische Zwangsarbeiter.

Auch in Kiel wurden Jüdinnen und Juden, sowie Rom:nja verfolgt, festgenommen, deportiert und zum großen Teil ermordet. Zwei Kapitel der Broschüre sind dieser Verfolgung gewidmet. Zwei Familien werden namentlich genannt, für sie wurden auch Stolpersteine verlegt.

Der Widerstand war vergleichsweise wenig spektakulär, aber es gab ihn. Es gab den Männer-Gesangsverein von 1926. Der beteiligte sich im Mai 1933, also etwas über drei Monate nach der Machtergreifung, an einem Solidaritätskonzert in Gaarden zugunsten von arbeitslosen Musikern. Kurz danach wurde der Chor verboten, erst 1952 konnte er neu gegründet werden. Er beantragte, auch die beschlagnahmte Vereinskasse zurück zu bekommen, das gelang allerdings nicht, der Staat behielt das Geld.

Vorgestellt wird auch der KPD-Funktionär Willi Grünert, Er tauchte nach der Machtergreifung unter, verteilte dann während der Olympischen Spiele in Kiel 1936 (Segelwettbewerbe) Flugblätter gegen die Regierung. Anschließend floh er nach Dänemark. Dort wurde er 1940 festgenommen und ausgeliefert, bleib dann bis 1945 im Konzentrationslager. Nach der Befreiung arbeitete er zunächst in Hamburg, dann ging er in die DDR, wo er bis 1985 in der Partei tätig war.

Dokumentiert wird dann der Bombenkrieg. Das Dritte Reich war auch bürokratisch, nach einer Bombardierung mussten Listen mit Adressen und Art der Bombe geliefert werden, eine davon wird in der Broschüre abgebildet. Elmschenhagen war kein Hauptziel, aber hier wohnten eben viele Werftarbeiter, und die Werften waren für den Krieg wichtig. Allein im April 1945 gab es noch vier Bombenangriffe, weil die Front näher kam. Vorgestellt werden noch vier Bunker, in denen die Menschen Zuflucht fanden. Und es gibt einen kurzen Verweis auf das, was heute alle in Kiel kennen: Die Entschärfung von Bomben, die als Blindgänger im Boden lagen. In Elmschenhagen lag eine Bombe auf dem Schulsportplatz in geringer Tiefe - sie wurde 2013 gefunden und entschärft, von 1945 bis 2013 waren Tausende von Kindern und auch Erwachsene auf dem Sportplatz gelaufen. Auf dem Friedhof von Elmschenhagen, findet man knapp 150 Bombenopfer, davon sind 53 in den letzten Monaten des Krieges 1945 beerdigt worden.

Nichts Spektakuläres also auf 70 Seiten. Aber extrem wichtig: Hier kann man anhand eines Stadtteils nachvollziehen, was der Nationalsozialismus im Alltag bedeutete. Parallel zur Broschüre hat der „Runde Tisch” eine Ausstellung erstellt. Finanziell gefördert wurde das ganze Projekt aus Mitteln von „Gemeinsam Kiel gestalten”, mit dem die Stadt kleine Projekte in Stadtteilen fördert.

Reinhard Pohl

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