(Gegenwind 452, Mai 2026)

Ostermarsch 2024 in Flensburg vor dem Start
Ostermarsch 2024 in Flensburg vor dem Start, Foto: Hajek

Stimmt der Kurs?

Bilanz der Ostermärsche - Diskussionsbeitrag

Die Welt brennt. Überall Krieg. Und die Friedensbewegung? Im Stillstand. Bilanz der Ostermärsche? „Eine leichte Tendenz zur Steigerung” entdeckt das Netzwerk Friedenskooperative. Anders gesagt: Fast kein Zuwachs. Mit Ausnahmen, zum Beispiel in Flensburg. Nur unter den Jugendlichen tut sich bundesweit etwas. Manche tragen ihr Nein zur Wehrpflicht auf die Straße. Aber das reicht nicht. Es wird höchste Zeit, neu nachzudenken. Um besser zu werden. Wirksamer.

Wir erleben: Missachtung des Völkerrechts, Verachtung für die UNO. Rüstungswahn, Sozial-Abbau, Demokratie-Abbau. Militarisierung. Warum gibt es keinen breiten Aufschrei? Die Standard-Antwort der Linken: Weil alle Kritik erstickt wird durch die Propaganda der Herrschenden. Weil es wenig Hilfe gibt gegen den aufflammenden Nationalismus. Weil man in den Nahost-Kriegen nicht mehr zwischen Gut und Böse unterscheiden kann. Reichen die Antworten? Mir nicht. Sie klingen zu einfach. Und zu ratlos.

Fakt ist: Ein tiefer werdender Graben trennt die Friedensaktivisten vom Rest der Bevölkerung. Das muss sich ändern. WIR müssen es ändern.

In meinen Augen ist das ein Problem vom Senden und Empfangen. Es nutzt nichts, wenn wir auf DAB+ senden und alle anderen auf UKW empfangen. Oder umgekehrt. Wir brauchen eine gemeinsame Wellenlänge.

Das fängt damit an, dass wir unsere Antennen ausrichten. Erst einmal auf Empfang gehen.

Was können wir als erstes entdecken? Dass es Gefühle gibt, die wir mit allen anderen gemeinsam haben: Angst, Bedrohungsgefühle, Sorgen beim Blick in die Zukunft. Hinter diesen Gefühlen steckt ein elementares Bedürfnis. Das Bedürfnis nach Schutz und Sicherheit. Auch das haben wir alle gemeinsam. Doch dann trennen sich die Wege: Die einen werden unpolitisch, ducken sich weg. Die anderen suchen Sicherheit und Schutz DURCH Aufrüstung. Nur eine Minderheit sucht Sicherheit und Schutz VOR Rüstungswahn und Kriegstreiberei. Diese Minderheit ist besonders im Westen sehr klein. In Ostdeutschland sind viele kritischer gegenüber staatlichem Handeln.

Ein Leitmotiv der Mehrheit ist die Angst vorm russischen Imperialismus. Die Angst ist übertrieben, fast schon hysterisch, geschürt durch die Propaganda von Staat und Medien-Mehrheit. Aber sie ist stark und wirksam. Sie hat viele andere Krisen-Ängste aufgesogen. Ihnen eine fassbare Gestalt gegeben.

Wie lautet die Standard-Antwort der Friedensbewegten? Von einigen Flensburger Vertretern höre ich seit Jahren die gleiche Gebetsmühle: Russlands Politik ist rein defensiv und keineswegs imperialistisch. Größer kann die Kluft zur Mehrheitsbevölkerung nicht sein. Auf beiden Seiten des Grabens haben sich nämlich die Realitätsverweigerer verschanzt. Die kennen nur Gut oder Böse, Schwarz oder Weiß. Kein Grau, keine anderen Farben. Eine neue Greenpeace-Studie namens „Gut gerüstet?” geht anders an die Sache heran. Da steht:

Da sich die Motivlage von Putins Russland nicht exakt belegen oder auf nur einen einzigen Faktor zurückführen lässt, erscheint es also klug, nicht von einem „entweder (Neo-Imperialismus) oder (Streben nach Sicherheit)” auszugehen, sondern von einem „sowohl als auch”.

Was wäre, wenn sich die Friedensbewegung auf dieses „So wohl, als auch” einlassen könnte? Russland als ein imperialistischer Staat UND mit Sicherheitsbedürfnis?

Dann wäre vielleicht eine erste Brücke geschlagen. Eine gemeinsame Wellenlänge gefunden, auf der gesendet und empfangen werden kann.

Doch die Verständigung mit Rüstungsbefürwortern hat ihre Tücken. Ein Großteil der Flensburger Friedensbewegten wirbt mit Nachdruck für die einseitige Abschaffung der Bundeswehr. Sie fordern den Ersatz durch eine waffenlose, eine zivile Verteidigung. Auch für den Fall eines russischen Überfalls würde so Schlimmeres verhütet. Selbstverteidigung sei Selbstzerstörung.

Das Konzept hat auch im Flensburger Friedensforum viele Anhänger. Ich habe mit solchen Vorstellungen Bauchschmerzen. Die Idee, eine autoritäre Diktatur wie Russland durch Abschaffung der Bundeswehr zum Einmarsch direkt einzuladen? Sie macht mir Angst. Wieviel mehr Angst muss sie Menschen machen, die sowieso schon mit einem nahen russischen Angriff rechnen?

Ganz nebenbei: Die einseitige Abschaffung des eigenen Militärs stand nur in Ausnahmen auf dem Programm der Friedensbewegung. Obenan stand die Beschränkung von Rüstung und Krieg durch internationale Abkommen und Verträge.

Solche Bestrebungen sind mehrheitsfähiger. Ein gutes Beispiel ist der Kampf der Friedensbewegung gegen die Mittelstreckenraketen. Gegen deren US-Stationierung in Deutschland, und gegen die auf uns gerichteten russischen Mittelstrecken in Kaliningrad. Beides hochriskante Waffensysteme, weil sie die Gegenseite zum vorbeugenden Erstschlag drängen. Da würden sich auch Rüstungs-Fans Verhandlungen wünschen. Wenn sie nicht ein großes ABER vorbringen würden: Kann man mit Putins Russland überhaupt verhandeln?

Ich denke ja, und ich komme in einem Folge-Artikel gerne darauf zurück.

Hinweis: Ich vertrete in diesem Beitrag ausschließlich meine persönlichen Ansichten. Sie sind in den Flensburger Gruppen, denen ich angehöre, durchaus nicht Konsens.

Werner Hajek

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