(Gegenwind 453, Juni 2026)

Immer drängender wird ein umfassendes Konzept, die Ostsee zu schützen. Dabei geht es auch darum, viele Sünden der Vergangenheit zu reparieren. Denn in der Ostsee liegen viele Tonnen Sprengstoff und Munition, in dem Meer treiben Hunderttausende von Geisternetzen. Der Klimawandel erwärmt das Wasser und verringert den Salzgehalt, die Landwirtschaft sorgt für immer mehr Düngemittel und damit für ein kräftiges Wachstum der Algen.
Lange Zeit forderten die Grünen, einen „Nationalpark Ostsee” im schleswig-holsteinischen Teil des Binnenmeeres einzurichten. Die CDU stellte sich dagegen, auch weil viele Interessenverbände aus den Bereichen Fischerei, Sport und andere dagegen waren. Nach langen Diskussionen hat man sich jetzt auf einen Aktionsplan geeinigt, der vor allem aus 16 Punkten besteht.
Der Ostsee geht es sehr, sehr schlecht, da sind sich alle einig. Das führt dazu, dass einige Tierarten vor dem Aussterben stehen, so die hier heimischen Wale. Sie verfangen sich oft in „Geisternetzen”, also verloren gegangenen Fischernetzen.
Auf dem Grund der Ostsee liegen zwischen 10.000 und 100.000 Schiffswracks, Genaueres weiß niemand. Und in diesen Wracks verfangen sich Fischernetze, die dann hängen bleiben. Einige bleiben für immer beim Wrack, andere kommen frei und treiben dann durch das Meer. Vermutlich gehen Jahr für Jahr rund 10.000 Netze verloren, schätzt der WWF.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Munition in der Ostsee versenkt, hier liegen vermutlich 300.000 Tonnen Bomben, Minen, Torpedos und Granaten. Nach dem Krieg war es die einfachste Methode, um die Faschisten zu entwaffnen. Jetzt sind aber viele Umhüllungen verrostet, der Sprengstoff wird frei und vergiftet das Meer. Dazu kommen noch mehrere tausend Tonnen Giftgas, die versenkt wurden.
Der Eintrag von Düngern aus der Landwirtschaft sorgt für ein kräftiges Algenwachstum. Dadurch wird das Wasser trüb und undurchsichtig, viele Pflanzen im Meeresgrund sterben ab, weil sie kein Licht mehr enthalten. Mit ihnen sterben viele Tierarten, die in diesem Ökosystem leben.
Der Klimawandel führt zur Erwärmung der Ostsee, damit auch zur Verringerung des Salzgehaltes. Das hat viele Auswirkungen auf die Biodiversität, die man auch nicht alle vorhersagen kann.
Die Ostsee wird genutzt durch Fischer, Transporteure, Sportler:innen und viele andere. Alle diese Nutzungsformen haben natürlich Auswirkungen auf das Meer und auf seine Bewohner auch darauf, wie die Bewohner zusammen wirken. Es gibt Tiere, die ihre Beute verlieren und dann auch auszusterben drohen. Es gibt Tiere, die ihre Jäger verlieren und sich dann unkontrolliert vermehren, um nur ein paar einfache Beispiele zu nennen.
Bei der Fischerei ist am einschneidendsten die Fischerei, die den Boden berührt. Die Grundschleppnetzfischerei ist in der Küstenfischerei vor Schleswig-Holstein verboten, aber außerhalb der 3-Meilen-Zone kann Schleswig-Holstein das nicht verbieten. In den Stellnetzen verfangen sich Schweinswale, aber auch Vögel die tauchen. Sie ertrinken dann einfach, wenn sie es nicht wieder an die Oberfläche schaffen. Wenn Schweinswale ertrinken, sieht das niemand, im Unterschied zu einem Buckelwal vor Wismar. Deshalb sind Regelungen hier schwerer durchzusetzen.
Jedes Jahr sterben über 1.000 Wale, aber nur 80 bis hundert werden tot an das Ufer geschwemmt. Todesursache sind die Fischernetze, Unterwasserlärm, Nahrungsmangel durch Überfischung und Krankheiten durch eingeleitete Umweltgifte. Schweinswale sind heimische Wale, von denen noch 14.000 in der Ostsee leben. Wir können es uns nicht leisten, jährlich tausend von ihren umzubringen. Schweinswale haben in der Ostsee eine Lebenserwartung von zehn Jahren, ohne die Beeinträchtigungen durch Menschen könnte sie über 20 Jahre leben.
Unterwasserlärm entsteht durch Schiffsbewegungen (Verbrennungsmotoren), dann durch Unterwasser-Baustellen (Windparks, Tunnel), dann durch Sprengungen (Militär). Es gibt Tiere, die dann fliehen, das kostet Kraft und nimmt Zeit, die eigentlich zur Nahrungsaufnahme benötigt wird.
Ungefähr 46 Prozent der See- und Küstenvögel ist gefährdet. Ursachen dafür sind auch hier der Klimawandel, der die gewohnte Umwelt verändert, dadurch verschwindet Nahrung, eventuell taucht unbekannte Nahrung auf. Lebensraum geht verloren.
Störungen tauchen auch auf durch Windkraftanlagen, die spielen aber in der Ostsee kaum eine Rolle. Auch Kiesabbau im Uferbereich gibt es nur selten.
Dann gibt es heute aber mehr Krankheiten. Am bekanntesten ist die Vogelgrippe oder der Botulismus. Die verbreiten sich durch die Globalisierung schneller. Wenn eine Krankheit in China ausbricht, konnte man vor tausend Jahre nichts davon bemerken. Ist das heute der Fall, hat man schon vier Wochen später einen chinesischen Container-Frachter in der Ostsee, der möglicherweise die Krankheit auch hier verbreitet.
Viele sinnvolle Maßnahmen können nur von allen Ostsee-Anrainern gemeinsam umgesetzt werden. Das muss nicht gleichzeitig sein. Ein Staat kann vorangehen und die Einleitung bestimmter Stoffe unterbinden, bestimmte Formen der Fischerei verbieten oder Munition bergen.
Jetzt sollen 12,5 Prozent der schleswig-holsteinischen Ostseefläche geschützt werden, also doppelt so viel wie bisher. Es entstehen drei neue Naturschutzgebiete:
Bisherige Schutzflächen wie Sagas-Bank, Stoller Grund und Geltinger Bucht erhalten einen strengeren Schutz, sie werden jetzt frei von Fischerei.
Das Fischereiverbot gilt für die kommerzielle Fischerei, egal ob mit Netzen (aktiv) oder mit Reusen (passiv). Erlaubt bleibt das Angeln vom Strand aus.
Motorboote und Speedboote werden verboten, um den Lärm und die Zerstörung durch Wellen einzuschränken.
Für Freizeitkapitäne und Wassersportler gibt es jetzt Zeiten und Zonen, wo sie sich aufhalten dürfen oder eben nicht. Auch für Surfer, Kiter und Segler werden die Zeiten und Zonen beschränkt. Nur das Baden und Tauchen bleibt erlaubt.
Der Eintrag von Stickstoff und Phosphor aus der Landwirtschaft soll schrittweise stark verringert werden, um 2000 bzw. 65 Tonnen pro Jahr.
Schließlich sollen bestimmte Ökosysteme wieder hergestellt werden. Das betrifft einzelne Riffe oder auch Seegraswiesen.
Geisternetze und Munition sollen gezielt aus dem Meer geholt werden.
Eine Ostsee-Station soll alles koordinieren, ein wissenschaftlicher Beirat soll es begleiten.
Nicht betroffen vom Schutz oder von Verboten sind bestehende Siedlungsgebiete, bestehende Industrieflächen oder auch Kläranlange, Hafen, Strände für Tourist:innen und anderes. Alles, was jetzt existiert, darf bleiben. Vor Fehmarn bleibt Wassersport erlaubt, die Insel lebt nun mal vom Tourismus.
Außerdem gibt es Schneisen im Schutzgebiet, so dass alle Häfen erreichbar bleiben und auch Sportler:innen vom Strand aus raus auf das Wasser können. Für die Landesregierung ist es wichtig, dass alle Verbände den Aktionsplan mit tragen oder mindestens mit tragen können.
Außerdem gibt es eine breite Schneise für die geplante Querung von Fehmarnbelt und Fehmarnsund. Die geplanten Tunnel oder Brücken können also weiter gebaut werden. Das wird von Naturschutz-Organisationen kritisiert. Aber die Landesregierung wollte einen möglichst breiten Konsens erreichen.
Verboten wird der Abbau von Sand und Kieß. Verboten wird die Förderung von Öl oder Erdgas. Verboten werden Windräder und das Verpressen von Kohlendioxid oder Kohlenstoff unter dem Meeresboden (CCS).
Verboten wird im Schutzgebiet die Fischerei, sowohl die professionelle wie auch die private. Nur das Angeln vom Strand aus bleibt erlaubt.
Der Unterwasserlärm soll reduziert werden. Deshalb gibt es für bestimmte Wasserfahrzeuge in Zukunft Geschwindigkeitsbeschränkungen, zum Beispiel für Speedboote oder Jet-Skis. Rettungsfahrzeuge sind davon ausgenommen. Außerdem soll ein Lärmschutzkonzept erstellt werden.
In Seegraswiesen dürfen keine Anker mehr ausgeworfen werden. Das bedeutet auch für Bootsführer die Pflicht zu wissen, wo eine Seegraswiese ist. Auch bekannte Rastgebiete von Vögeln dürfen nicht mehr befahren werden. Das gilt auch für Brutgebiete bedrohter Vogelarten an Land. Da gibt es Hinweisschilder, welche Strandbereiche nicht mehr betreten werden dürfen und die Hoffnung, dass sich alle daran halten. Das schließt auch die ein, die nur kurz mal gucken wollen, ob Jungvögel im Nest von Bodenbrütern sind.
Allerdings soll Sport möglich bleiben. Das gilt nicht nur für Segelregatten, sondern auch für Motorboot-Rennen. Einige Punkte müssen allerdings in zusätzlichen Verordnungen noch geregelt werden.
Die Wasserschutzpolizei und die Fischereiaufsicht sollen besser ausgerüstet werden, damit sie die Einhaltung der Schutzbestimmungen kontrollieren können. Das Befahren und Betreten des Schutzgebietes soll überwacht werden.
Außerdem soll es mehr Bildung und Information zum Ostseeschutz geben. das sind einmal Veranstaltungen von Naturschutzorganisationen, andererseits eine „Integrierte Station”, die insbesondere Tourist:innen im Blick hat.
In der Ostsee liegen oder lagen 300.000 Tonnen Munition, teils auch chemische Munition. Seit 1945 verrostet sie, wird dann im Wasser als Gift freigesetzt und lässt sich nicht mehr zurückholen.
Die Bundesregierung will jetzt damit starten, noch stabile Munition zu bergen und an Land unschädlich zu machen. Daran will Schleswig-Holstein sich beteiligen. Da Schleswig-Holstein nicht so viel Geld hat, wird eine Spendenplattform eingerichtet, die bei Sponsoren oder auch Tourist:innen bekannt gemacht werden soll.
Die Bereitschaft dafür ist vielleicht noch höher als bei anderen Umweltschutzmaßnahmen. Denn die Munition schadet nicht nur Pflanzen und Tieren, sondern auch Menschen. Wir könnten also ein eigenes Interesse an der Bergung haben.
Geisternetze sind verloren gegangen Fischernetze. Sie hängen an Schiffswracks fest oder sie treiben einfach im Meer. Fischer und Wale können sich in den Netzen verfangen und sterben.
Theoretisch können sich auch Taucherinnen und Taucher in den Netzen verfangen. Am 25. März 2002 ist tatsächlich ein Taucher vor Kühlungsborn ertrunken, weil er sich in einem Geisternetz verfangen hat.
Diese Netze müssen gezielt gesucht und geborgen werden. Das ist aufwändig und teuer. Und es ist unmöglich, alle Netze zu finden und zu bergen. Aber es ist wichtig, die Zahl der Geisternetze spürbar zu reduzieren, um die Zahl der ertrunkenen Wale zu verkleinern.
Die gewerbliche Fischerei befindet sich in einer sehr schwierigen Phase. Die Bestände an Dorsch und Hering wurden jahrelang überfischt und sind zusammengebrochen. Die Fischer erhalten Subventionen, es gibt aber auch Prämien für die Stilllegung von Schiffen.
Mit der Einrichtung der neuen Schutzgebiete erhalten die betroffenen Fischer in den nächsten zehn Jahren 750.000 Euro pro Jahr. Außerdem werden die Fischer zusätzlich bezahlt, wenn sie Schweinswale oder tauchende Meeresenten schützen.
Wenn Fischer auf Geisternetze stoßen, sollen sie die in Zukunft nicht mehr melden, sondern sie sollen sie bergen. Dafür bekommen sie eine Pauschale zum Tanken, werden also für den Tag entschädigt.
Außerdem sollen sich die Fischer an der Überwachung (Monitoring) der Schutzgebiete beteiligen. Sie sollen Proben entnehmen und an Land bringen, Unterwassersonar einsetzen, Videokameras durch flache Gewässer mitziehen.
Über alle diese Punkte wurde ein Vereinbarung zwischen der Landesregierung (Daniel Günther und Cornelia Schmachtenberg) und den Fischereiverbänden (Lorenz Marckwardt und Erik Meyer) geschlossen.
In der Ostsee gibt es 81 Fischer im Haupterwerb und 146 Fischer im Nebenerwerb.
Die Diskussion, ob das reicht, wird weitergehen. Ähnlich war es an der Nordsee:
1972 schlug die Schutzstation Wattenmeer die Einrichtung des Nationalparks vor. Doch die Einrichtung scheiterte 1974 an Protesten von Fischern, die CDU richtete nur ein Naturschutzgebiet an. 1985 wurde dann der „Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer” eingerichtet, wieder begleitet von heftigen Protesten, die die CDU fast spalteten. Es wurden viele Ausnahmen für die Fischer oder die Ölförderung eingerichtet, mit Auswirkungen bis heute. Vor Dithmarschen darf noch bis 2041 Öl gefördert werden, dann müssen alle Anlagen beseitigt sein.
Heute ist der Nationalpark ein wichtiger Geldbringer für den Tourismus. Keine der Landtagsparteien, vor allem aber die Anwohner können sich heute vorstellen, dass es den Nationalpark nicht mehr gibt. Es könnte an der Ostsee eine ähnliche Entwicklung geben.
Vielleicht hilft auch das Schicksal eine verirrten und letztlich toten Buckelwals, die Aufmerksamkeit auf die verbliebenen 14.000 Wale in der Ostsee zu lenken. Vielleicht kann das Aussterben der Schweinswale noch verhindert werden.
Reinhard Pohl